Ich begrüsse Sie herzlich zur Ausstellung von Venice Spescha und Matthias Frey in der Galerie Chelsea in Laufen.

Meine Einführung ist ein Versuch, den Arbeiten auf meine Weise näher zu kommen, und wenn ich sage, „auf meine Weise“, dann sage ich das im Bewusstsein, dass mein Reden subjektiv ist; meine Skizze sozusagen für die Lektüre der Doppelausstellung. Ich möchte dabei nicht primär über die einzelnen Arbeiten berichten, sondern drei „Leitmotive“ der Ausstellung benennen, die sich unabhängig von den künstlerischen Mitteln – Malerei, Installation, Fotografie, Plastik – jeweils auf beide Positionen beziehen lassen. Ich gehe damit das Risiko ein, nicht, wie versprochen, in die Sache „einzuführen“, sondern „von innen heraus“ und von der Ausstellung her zu denken. Damit sei auch angedeutet, was Jeannette Schmid in der Zusammenarbeit mit Venice Spescha und Matthias Frey in dieser Ausstellung sucht: Es geht nicht nur um die Präsentation von zwei künstlerischen Positionen, es geht ebenso um deren Dialog, in dem das einzelne Werk seine Autonomie bewahrt.

Vom Verschwinden
Es gibt das Phänomen in diesen Räumen, dass Bilder, auch figurative Bilder, die Dinge, die sie zeigen, gleichzeitig zum Verschwinden bringen. Die Ausstellung, behaupte ich, erzählt vom Verschwinden.

Mehrfach und in unterschiedlichen Formaten schildert Venice Spescha in ihrer malerischen Arbeit ein bildfüllendes Gefäss. Dass es sich zunächst um eine Schale handelt, dürfen wir annehmen, auch aufgrund der räumlichen Nähe zu den dreidimensionalen Schalen in Gips. Die sich elliptisch ausdehnende Fläche im Bild berührt oder nähert sich dem oberen und unteren Bildrand und hebt sich farblich minim vom Hintergrund oder Umraum ab. Die Vergrösserung entfernt den Gegenstand von seiner eindeutigen Lesbarkeit, er verliert seine physische Präsenz. Sein Gewicht scheint belanglos, das Fehlen eines modulierenden Lichteinfalls lässt die Schale ganz in der Bildfläche aufgehen. Ihre Malerei, sagte mir Venice Spescha letzte Woche während dem Aufbau der Ausstellung, provoziere die Abstraktion. Und dennoch: Wir haben es nicht mit abstrakten Bildern zu tun, sondern mit dem Ergebnis eines Arbeitsprozesses, der den Gegenstand braucht, um einen nicht-gegenständlich dominierten Raum der Betrachtung freizugeben. Der Gestus der Malerei ist nicht ein Gestus des Zeigens, sondern der Verwandlung.

Ein anderes „Verschwinden“ oder mindestens eine Relativierung des zu sehenden Bildgegenstands erkennen wir bei Matthias Frey. In der mehrteiligen Fotoarbeit erkennen wir, mehrfach fotografiert und gespiegelt wiedergegeben, Füsse. Sie sparen einen schwarzen Umraum aus, dessen eigene Bildwürdigkeit den Körper geradezu herausfordert. Nur die Aussparung oder das Negativ lässt die von der Symmetrieachse beschnittenen Körperfragmente zu blumigen Gebilden, zu Schmetterlingen, zu arabesken Auswucherungen werden. Dabei verdankt sich das Bildmotiv einer beiläufigen Entdeckung: “Im Atelier aber, eher zufällig und absichtslos, fiel mein Blick zum ersten Mal auf jene Objekte, die überhaupt die erste Voraussetzung für eine begehbare Skulptur darstellen: meine Füsse. Sie, die mich stundenlang draussen im Freien herumführten, damit ich möglichst viel von dieser Neuen Welt zu sehen bekam, entdeckte ich eines Abends selbst als Sehenswürdigeit: ich sah ihre Umrisse vor schwarzem Hintergrund und die Umrisse des Freiraums, den sie zwischen sich einfingen [...].“ Das Zitat stammt aus dem Schlussbericht von Matthias Frey zu seinem Atelieraufenthalt in Montréal, 1997. Es ist nicht veraltet, beschreibt es doch im Kern einen Antrieb in Freys Bildfindungen: Die Umkehrung, die Beobachtung der Dinge von ihrer Innenseite her oder von ihrem Umraum aus, aus dem sie auftauchen und in dem sie – mindestens aus ihrer gewohnten Ansicht – verschwinden.

Vom Ringen mit dem Material
Es ist – auch das eine Behauptung – der Einsatz von Materialien und Rohstoffen, in dem Venice Spescha und Matthias Frey fast gegenläufige künstlerische Mentalitäten verraten, auch wenn sie sich formal berühren.

Ich greife einerseits die „Projektionsschalen“ von Venice Spescha auf und andererseits die plastischen Arbeiten von Matthias Frey, in denen er das Sanitärporzellan auf seine materiellen und inhaltlichen Eigenschaften hin testet. Am Ende des Regenbogens findest du eine Schale voll Gold. Der Titel der Videoprojektion in eine der drei Gipsschalen ist pure Verheissung. Der Regen, der Himmel, der Regenbogen und schliesslich das Gold lassen sich nicht greifen: sie bleiben Bild und Illusion. Hier sehen wir eine bildende Künstlerin am Werk, die die manuelle Bearbeitung von Material durchaus sucht: Die Grösse der Gipsschalen lassen eine aufwändige und risikoreiche Herstellung erahnen. Allerdings gilt es dann, in der Anschauung der Arbeit, darum, materielle Grenzen zu überwinden. Der Blick, der in die Schale fällt, sieht nicht mehr „Schale“, er sieht Bilder, wundert sich über die Tiefe und die Fülle, folgt der Projektion und den Assoziationen, die diese auslöst. Himmel, Regen, Regenbogen und schliesslich Gold öffnen den Raum: zu Erinnerungen an Märchen, an Reichtum und Glück, die doch nie ganz zu fassen sind. Auch die unbespielten Gefässe bieten sich als Projektionsflächen an, wenn auch vorgegebene Bilder ausbleiben. Das einfallende Licht in der Rundung verwischt fein, aber wirkungsvoll die Lesbarkeit des dreidimensionalen Raums. Das Sehen wird dabei zu einem Erlebnis, das dem Material keine Beachtung mehr schenkt, um den Halt aufzugeben und sich zu versenken.

Während Spescha kontinuierlich entlang der Überwindung von physischem Raum arbeitet, sucht und braucht Matthias Frey dessen innigsten Kontakt. Der gelernte Keramiker kommt zum Material von Ton und Porzellan immer wieder zurück, um Handfertigkeit und Materialkenntnis in seine bildhauerische Arbeit zu integrieren. Es ist das Sanitärporzellan, das durch seine spezifischen Eigenschaften eine Reihe von Arbeiten provozierte und noch provoziert. Wir sehen mehrfach, wie dieses Material mit dem Vokabular ringt, das ihm eingeschrieben ist und / oder das es selbst beschreibt. „HEILE EILE“ lesen wir an der einen Wand in Kapitalbuchstaben, die irgendwo zwischen Verflüssigung und Wucherung, zwischen Schmelzen und Erhärtung ihre lesbare Form gewonnen haben. Die Worte sind mit ihrer Materialisierung verzahnt. Im HEILE steckt „Heilen“, das wir mit jenen Orten assoziieren dürfen, wo das leicht sterilisierbare Sanitärporzellan zum Einsatz kommt, wo Infektionsgefahr möglichst ausgeschlossen wird. HEILE. EILE: Sind das Befehle? Muss die Eile heilen? Und überhaupt ist „HEIL“ in seiner buchstäblichen Isolation in der Erinnerung an politische und menschliche Tragödien längst nicht mehr so unbefleckt, wie es das glatte Weiss glauben machen will. Auch LOS lässt eine Doppelbedeutung zu. Das LOS ist ein Gewinn versprechender Gutschein, LOS ist aber auch Aufforderung, los jetzt! – und „los“ ist alles, was „lose“ ist, gelöst. Jedenfalls ein Wort, das seine eigene Materialisierung brüchig macht, ja sprengt. Das Zusammenspiel von Worten und Porzellan erweist sich als eine ebenso konfliktbeladende wie zärtliche Beziehung, in der es aber nie um das Überwinden der materiellen Eigenschaften geht, sondern um deren spannungsvolle Beschreibung und die Verwirrung darüber, wo und wie die Körper und Oberflächen durch ihre Materialität in Dinge der Reflexion kippen.

Von Zwischenräumen
Immer wieder wird man hier auf zwei Ebenen Denken müssen, während das Auge (da und dort vielleicht auch die Hand) die Dinge zu fassen versucht, einschliessend und ausschliessend. Die „Zwischenräume“ nenne ich als ein drittes und letztes Leitmotiv der Ausstellung. Enjoy your cup of tea. Der einladende Titel der Serie von Tusche-Arbeiten auf Aquarellpapier lädt zum Innehalten ein. Tee-Zeremonien setzen Zeit voraus. „Enjoy your cup“: da steckt Musse drin und auch die Freiheit, dass ich meine Tasse selber wähle. Dass ich dabei zusehe, wie sie sich verändert oder sich in einem Verhältnis zu den anderen Trinkgefässen zu erkennen gibt mit ihrem eigenen und einzigartigen Klang. Da hat sich manchmal die Tusche verselbstständigt und weiche Borsten ausgebildet auf dem feuchten Grund. Dann wieder zeichnet sie klare Linien und entwickelt in zwei rasch hingeworfenen, elliptischen Pinselzügen Gefäss und Unterteller mitsamt deren Schattenwurf. Oft ist die Mitte leer und das Gefäss schwebend, es bleibt bei der Annäherung und damit beim Zwischenraum, der die Beobachtung in Bewegung hält oder eher noch: entschleunigt.


Es ist schön, dass die skurril anmutenden, mehrgliedrigen oder sogar „mehrbusigen“ Gefässe von Matthias Frey einen Gegenentwurf zu dieser zarten Teestunde liefern und, während die „cups“ sich öffnen, ganz verschlossen bleiben. Ebenso scheint mir richtig, dass seine fotografische Serie Handlich in einer Venice Spescha vergleichbaren Behutsamkeit auf die Tuschearbeiten antwortet. Es sind Insassen eines Altenheims in der Nähe von Basel, die seine spindel-, kugel- und flaschenförmigen Körper hielten, um sich damit fotografieren zu lassen. Die makellosen Porzellankörper lassen die vom Leben gezeichneten Hände umso deutlicher hervortreten. Da sind wir wieder, bei der Aussparung oder eben beim Zwischenraum, in dem die Blindheit gegenüber einem Körper und seiner Funktion die Aufmerksamkeit auf etwas Anderes umlenkt.

Ich habe den „Zwischenraum“ verschwiegen, der im gestaffelten und geschwungenen Drahtgeflecht wie zufällig durch Reflexionen und Einschnitte die Illusion einer Tasse in den Raum stellt. Ich habe das „Verschwinden“ nicht benannt, von dem auch die „not“ betroffen ist in jenen Buchstaben, die es eigentlich gar nicht gibt, weil sie als Negativbild zwischen Keramikfeldern auftaucht. Ich kann und will denn auch nicht alle Arbeiten nennen, die hier miteinander Kontakt aufnehmen. Ich schliesse nun stattdessen im kleinen Annexraum, wo die Zeichnung von Spescha und das Sanitärporzellan von Frey den Horizont nochmals in zwei Richtungen öffnen. On Line von Venice Spescha kommt ohne Worte aus; die durch feine Erhöhungen und Ausbuchtungen ausgezeichnete Linie über mehrere querformatige Blätter erzählt ganz allein von der Grenze zwischen Wasser und Himmel und von der Grenze, an der etwas „Landschaftliches“ leise in etwas „Handschriftliches“ oder in die Abstraktion übergeht. Die Porzellanablagen von Matthias Frey andererseits wären Industrieware, wenn ihnen nicht je ein Wort eingeprägt wäre, das die heile, reine Unversehrtheit auf ihre immaterielle Ebene hin testet.

Isabel Zürcher, 24. September 2006

 


 


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Venice Spescha  Objekt, Installation, Video, 25. September bis 21. Oktober 2006

• Kulturmagazin BaZ: Artikel 5. Oktober 2006 pdf 171KB
• Wochen Blatt Laufen: Artikel 28. September 2006 pdf 156KB

Einführung von Isabel Zürcher zur Ausstellung, Chelsea Gallery, Laufen