delsbergerstrasse 31 • ch - 4242 laufen • tel/fax ++41 +61 761 11 81 • jeschmid@swissonline.ch

 
 
Trudy Andres   Video und Zeichnung
• Biografie siehe sokultur.ch
• Laufentaler Wochenblatt pdf 176kb
• Solothurner Tagblatt pdf 252kb
 

Vernissagerede für die Ausstellung „VOR ORT“ in der Chelsea Galerie Laufen
Trudy Andres und Lotte Seyerl, 22. Januar 2006
Auszug Einführung zu Trudy Andres

Die Künstlerin Trudy Andres aus Solothurn oder genauer aus dem Vorort Bellach kenne ich bereits seit einigen Jahren nicht nur durch Atelier- und Ausstellungsbesuche, sondern vor allem auch durch unsere gemeinsame Arbeit in der visarte, dem Berufsverband der visuellen KünstlerInnen der Schweiz. Ihr dortiges Engagement bezeugt bereits ein reges Interesse an gesellschaftlichen und politischen Fragen. Und so verwundert es nicht, auch in ihren Arbeiten immer wieder auf gesellschaftlich relevante Fragestellungen zu stossen.
So z.B. die Auseinandersetzung mit der Tagesschau, dem allabendlich vertrauten Schweizer Nachrichtenjournal. Wir kennen die Gesichter. Und wenn nicht, dann kennen wir doch die Gesten, die Haltungen, die Botschaften. Und sie beschäftigen uns alltäglich. Warum ist es dennoch etwas besonderes, ihnen hier zu begegnen?

Die Video-Arbeit „Tagesschau“ stammt aus dem Jahr 2004 und wird uns in 2-minütiger Wiederholung gezeigt. Für einmal ist die Künstlerin nicht selbst unterwegs, sondern bleibt zu Hause, schweift aber dennoch mit uns durch die Welt, auch hier als kritische Beobachterin. Im Video werden uns die realen Bilder einer Fernsehübertragung gezeigt, oder vielmehr ausgewählte und zusammengesetzte Ausschnitte verschiedener Sendungen. Sie werden jedoch verzerrt oder manipuliert, wenn die Künstlerin z.B. den Ton schneller laufen lässt und damit den Eindruck der ständig gehetzten Nachrichten-versessenen Zeit steigert. Diese „Fernsehbilder“ werden mit eigenen Zeichnungen der Künstlerin vermischt.

Zuerst war die Idee vom Video. Dann zeichnete sie Ausschnitte aus den Sendungen direkt vor dem Bildschirm in angedeuteten Filmstreifen auf Folie, wobei sie auch mit aufgenommenem Material arbeitet, bei dem sie leichter auch mal anhalten oder zurückschalten und so eine Nachricht, eine Geste, ein Wort noch einmal nachwirken lassen kann.
Die Zeichnungen sind koloriert und werden z.T. Comic-Strip-artig angewendet, denn sie sind zusätzlich mit Schriftzügen und weiterem Material zum Thema, aus anderen Medien durchsetzt. Schliesslich wurden Zeichnungen und Aufzeichnungen mit einander zu einem Video vereint. Die abgezeichnete Realität der virtuellen Welt wird uns als wieder abfilmbarer Filmstreifen und als ein den künstlerischen Prozess spiegelndes Video präsentiert. Bild und Abbild werden nebeneinander gestellt.
Wir bekommen alle täglich in den Abendnachrichten die gleichen Bilder übermittelt und machen uns dennoch jeder wieder sein eigenes daraus und ihres zeigt uns Trudy Andres hier auf ihre Weise. Dabei ist die Beschäftigung mit dem Medium TV für Künstler nicht ganz unproblematisch, denn in der heutigen Gesellschaft stehen sie in permanenter Konkurrenz in der Bilderflut, die das Publikum umgarnt. Aber auch diese anscheinend so verschiedenen Nachrichten tönen am Ende immer wieder gleich oder zumindest ähnlich: Krieg, Politik, Wetter und Sport und sie werden immer wieder von den gleichen Sprechern und Sprecherinnen übermittelt. Immer wieder ertönt die Eingangsmelodie der Tagesschau und gemeinsam mit Meldungen über das Wetter funktioniert sie als Konstante. Denn ansonsten vernehmen wir Meldungen kreuz und quer durch die Nachrichtenlandschaft.
Ohne, dass sie es vorher gewusst hätte, hat vor kurzem das Schweizer Fernsehen sein Outfit geliftet und so sind die alte Eingangsmelodie und der altbekannte Auftritt unterdessen zu einem historischen Zeitdokument geworden.

Im Übrigen kommen „Wortbilder“ und so möchte ich die hier gezeigte Arbeit bezeichnen, auch in vielen anderen Arbeiten von Trudy Andres vor. – Menschenbilder und Sprache spielen bei ihr eine wichtige Rolle.

Arbeitstechnisch ähnlich ist sie auch bei ihrer aktuellen Arbeit vorgegangen, die in der Jahresausstellung des Kunstvereins Olten gezeigt wurde: es handelt sich ebenfalls um ein gesellschaftlich relevantes Thema – den Konsumrausch. Sie hat dieser Arbeit den Titel „Fashion-Art“ gegeben und sie ist dafür zum „Aufzeichnen“ vor Ort in einen Konsumtempel gegangen und hat die Bilder mit Kamera und Faserstift festgehalten.
Es handelt sich mehrheitlich um Gegenstände oder Situationen aus dem Shopping Bereich – Gebrauchsgegenstände, die auf sie, wie kleine Kunstwerke wirken, oder Menschen, die sie beim Auswählen und Kaufen festhält. Dabei hat sie in Kaufhäusern um die Erlaubnis gefragt, überhaupt Aufnahmen machen zu dürfen, wurde sogar einmal von einem Detektiv angesprochen, was sie hier eigentlich treibe. Offenbar fällt man aus der Reihe, und erregt Interesse, wenn man sich an einem solchen Ort nicht für die Produkte, sondern für die Menschen interessiert. Und zufällig hat sie eine Bekannte getroffen, die es ihr erlaubte, sie beim Auswählen und Einkaufen festzuhalten. Die Fotos wurden dann mit dem Kopierer manipuliert, farbig auf Folie gezogen und wirken jetzt ein Stück weit wie Malerei. Auch sie wurden anschliessend zu einem kurzen Video zusammengestellt und mit der zauberhaften Stimme von Cecilia Bartoli unterlegt.

Weitere Themen an denen Trudy Andres sich in den letzten Jahren abgearbeitet hat waren: Wohnreise (2001), Tassen (2002), I dr Ysebahn (2003) und auch dieses letzte Thema wäre natürlich ein klassisches Thema für „Unterwegs“-Sein – vor Ort malen“ und hätte eine grosse Nähe zu den Werken von Lotte Seyerl gezeigt.

Trudy Andres wird aber nicht nur durch die kleinen, alltäglichen Dinge des Lebens angezogen, sondern auch von der grossen weiten Welt. Und so reist sie in die Metropolen, wie Berlin, New York oder Rom und zeichnet dort ihre Wahrnehmungen auf – es sind urbane Bilder, die den Vorort weit hinter sich lassen. So z.B. auf den kleinen New York-Bildern, die sie auf mit Bauplastik überzogene Holztäfelchen gezeichnet hat, um verschiedene Ebenen wiedergeben zu können. Das Bild der Transparenz ist ein wichtiges materielles Element ihrer Arbeiten. Bei der Durch- und Mehrsichtigkeit wissen wir nicht immer, welche Ebene zu uns spricht. Und die Leichtigkeit des Maluntergrunds wie auch der Malweise steht oft im Kontrast zu den nachdenklich stimmenden Themen. Der flüchtige Eindruck verstärkt sich durch die Abwechslung von dünnen und fetten Strichen, von Überlagerungen, von Scharfem und Unschärfen. Strichzeichnungen auf Streifenbildern, Streiflichter einer grossen Stadt mit zu grossen Autos, zu grossen Häusern und den Menschen, die dazwischen leben.
Das Beobachten und Festhalten von urbanen Episoden mit einem flüchtig wirkenden künstlerischen Ausdruck teilt sie mit ihrer Ausstellungspartnerin.

Martin Rohde, Kunsthistoriker

• Biografie siehe sokultur.ch