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'weissderhimmel' 31. August bis 11. Oktober 2008
Claudio Magoni + Ursula Bohren Magoni  Fotografie, Installation, Video

 

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Luftskulpturen

Zwei im Raum schwebende Luftblasen winden sich in pulsierenden Bewegungen. Sie erscheinen wie grosse schwerelose Lungenflügel, die in Atmung stehen. Durch die stetige Luftzufuhr wird ihnen Leben eingehaucht. Ein Lebensrhythmus, der durch das Pulsieren sichtbar wird. Energie durchströmt die zarte Haut. Die aktivierte, vibrierende Oberfläche bewegt sich sanft wie leichte Wellen eines Gewässers. Ihre Weichheit, ihre sinnliche Ausstrahlung scheint nach Berührung, nach Zärtlichkeit zu flehen.

Wie organische Zellen bewegen sich die Körper. Sie scheinen sich amöbenhaft zu modifizieren. Sie zelebrieren ihr prekäres Leben, während sie sich ihrer Vergänglichkeit immerzu bewusst sind, denn ihre Lebensdauer ist von der stetigen Luftzufuhr abhängig. Die beschränkte Zeit, die ihnen zur Entfaltung geschenkt wurde, geniessen sie in vollen Zügen. Wie ein Schmetterling, der sich an seinen prächtigen Flügeln erfreut - eine Pracht jedoch die der Zeit unterworfen ist. Die Vanitas wird durch die Verletzlichkeit der Oberfläche unterstrichen. Ihre dünne, transparente Haut ist höchst fragil. In jedem Moment könnte ein Schnitt in der Membran die Form in sich zusammenfallen lassen. Doch gerade diese immer präsente Verletzlichkeit lässt ihre Schönheit noch stärker erstrahlen.

Das Licht wird in der glatten Oberfläche reflektiert, dringt aber auch teilweise durch den Körper hindurch und lässt den gegenüberliegenden Raum sichtbar werden. Wegen ihrer milchigen Tönung sind Personen und Gegenstände hinter der Skulptur jedoch nur schemenhaft erkennbar. Aber gerade diese verschwommene Sicht schafft eine traumhafte Atmosphäre. Die sich verwandelnde Form der Wolkenkörper kombiniert mit den flackernden Konturen der Besucher erweckt immer neue Bilder. Die Skulptur lebt und belebt.

Die beiden Luftblasen stehen im stetigen Kontakt zueinander. Sie berühren sich, schmiegen sich zärtlich aneinander um sich gleich wieder abzustossen und voneinander zu entfernen. Der Besucher kann dieses Liebespaar stören und ein Ménage à trois anregen, indem er den Schritt zwischen die beiden Körper wagt und an den liebevollen Berührungen teilnimmt.

Die äusserst leicht scheinende 'Skulptur' besteht fast ausschliesslich aus Luft. Man könnte sie eine 'Luftskulptur' nennen, wenn da nicht doch eine starke Körperlichkeit wäre. Am Ende der Ausstellung kann sie ohne Mühe zusammengefaltet werden und nimmt in diesem Zustand fast keinen Platz mehr in Anspruch. Sie wird zur 'Reiseskulptur', zur 'Skulptur auf Zeit'. Sie kann eine monumentale Form annehmen, ist aber auch jederzeit auf einfachste Weise wieder vom Ausstellungskontext zu entfernen.

 

fotogramm maboart in der chelsea galerie laufen   fotogramm weissderhimmel, 2008 maboart in der chelsea galerie laufen
weiss nur das bild alles

Das Fotogramm als Abbildungsmethode ermöglicht ohne Hilfsmittel, wie eine Kamera einen unmittelbaren Abdruck zu hinterlassen. Claudio Magoni und Ursula Bohren Magoni kreieren damit eine Situation des 'wir sind da gewesen'. Ihre physische Präsenz hat eine bildliche Form gefunden. Sie haben ein Zeichen für ihre Anwesenheit gesetzt.

Es findet keine Trennung mehr zwischen Künstler und Modell statt. Der Künstler ist nicht mehr bloss Beobachter, der ein Abbild seiner Beobachtungen generiert. In diesem Fall figuriert er sowohl als Akteur, der die Bildfindung anstrebt, als auch als Modell, das durch die anatomischen Grundvoraussetzungen die Basis für das Abbild liefert.

Die Abbilder wirken wie flimmernde, von einer Aureole umgebene weisse Körper, die in der Dunkelheit leuchten. Sie erinnern an Röntgenaufnahmen, wo eine Durchleuchtung des Körpers stattfindet. Doch in diesem Fall wird nicht der Körper mit Strahlen durchflutet. Die Körperteile an sich scheinen das Licht in sich zu tragen und übertragen ihr Leuchten auf das Fotopapier. Der sie umgebende Raum dagegen ist in Dunkelheit gehüllt und bildet einen starken Kontrast zu den hell glühenden organischen Formen.

Keine scharfen Konturen sind auszumachen, da die Bereiche zwischen hellen und dunkeln Flächen aktiviert zu sein scheinen. Sie schimmern durch die Kontraste, die in diesen Grenzzonen zusammentreffen. Es scheint Elfenbein auf Ebenholz zu stossen.

Eine erotische Ausstrahlung ist wahrnehmbar. Die Körperteile werden zwar abgebildet, sind aber nicht klar erkennbar. Die extreme Nahaufnahme verunmöglicht den Blick auf das Gesamte. Genau diese Unwissenheit erhöht den Reiz des Unbekannten. Fantasien werden wachgerufen. Unser Formgedächtnis versucht die Umrisse als Körperteile zu identifizieren. Wird uns hier ein Einblick in intime Bereiche gewährt? Das sonst Verborgene lässt sich jedoch nicht ganz enthüllen, sondern gewinnt in seiner Unbestimmtheit sogar zusätzlich an Spannung. Dieser bewusste Fokus auf das Detail verstärkt die abstrakte Qualität dieser Bilder.

 

installation und videoprojektion weissderhimmel 2008, maboart in der chelsea galerie laufen    

gl_ei_chgewicht

Die Künstler haben sich an die Herausforderung gewagt das Unmögliche möglich zu machen: Das unversehrte Ei ohne Hilfsmittel in die vertikale Lage zu bringen. Die Hände der Künstler befühlen die glatte Oberfläche. Sie versuchen das von Auge nicht sichtbare Innere zu erspüren, denn nur wenn das Innere sich im Gleichgewicht befindet, kann das Äussere stehen. Die Balance, das Equilibrium muss ertastet werden. Heureka, das Ei steht! Weiss der Himmel wie es möglich war.

 

weissderhimmel

Die Künstler Claudio Magoni und Ursula Bohren Magoni spielen in ihrer Ausstellung in der Chelsea Galerie mit der Autorschaft des Künstlerdaseins. Auf verschiedene Weise agieren sie aktiv, lassen aber gleichzeitig immer wieder Raum für den Zufall oder legen sich mit der Schwerkraft an. Sie versinnbildlichen ein Reich der Möglichkeiten und Unmöglichkeiten. Was im Jetzt präsent und sichtbar ist, könnte sich im nächsten Moment schon wieder transformieren und verflüchtigen. Die Künstler schaffen Grundlagen, auf denen auch mal der Formfindung freien Lauf gelassen wird. Die Unbeständigkeit der Form wird thematisiert wie auch die Nichtwiederholbarkeit des Augenblicks und die damit verbundene Vergänglichkeit der Schönheit. Die Resultate sind von einem temporären Ausdruck, der fasziniert, jedoch immer auch die Vanitas in Erinnerung ruft. Sie bewirken eine Konfrontation mit der Zerbrechlichkeit der menschlichen Existenz.

Olivia Jenni und Michael Babics

Zur Ausstellung ist eine Publikation unterstützt durch kulturelles.bl erschienen