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Claudio Magoni + Ursula Bohren Magoni  Fotografie, Installation

Ausstellung  1. September bis 5. Oktober 2002
• Biografische Angaben auf maboart.ch

 

Momente des Abtauchens – Visionen der Entgrenzung
Eröffnungsrede von Gabrielle Obrist, Kunsthistorikerin

 

 

«austiefen» betiteln Ursula Bohren Magoni und Claudio Magoni ihre Ausstellung; «austiefen» heisst die Installation, welche die Chelsea Galerie für 6 Wochen zu einem begehbaren Unterwasser-Kabinett werden lässt; «austiefen» bezeichnen die beiden Künstler ihre Intention, mit ihren Bildern aus tiefen Wassern die Seherfahrung zu weiten.
Wenngleich das Wörterbuch die Existenz einer solchen Tätigkeit – sprich «austiefen» – verneint, vermag diese magonische’ Wortschöpfung eine ganze Reihe von Assoziationen auszulösen: Eintauchen in Unbekanntes, sich versenken in die Schönheit eines Augenblicks oder sich treiben lassen, um physischer Beengung zu entrinnen.

Auf Tauchgang
Aus einem Nichts auftauchend, vor undurchdringbarer Finsternis gleiten sie lautlos dahin, Nesseltiere – Wesen von berückender Schönheit. Scheinbar materielos schimmern sie wie Lichtblasen, sind von zauberhafter Zartheit und wirken in ihrer Transparenz als aus der Zeit herausgetretene Kreaturen. Das Kamera-Auge hat diese Medusen in den Tiefen des Wassers, den Gründen der Evolution eingefangen und in ihrer oszillierenden Voluminosität zu Papier gebracht. Das spannungsreiche Wechselspiel von Form und Raum sowie das Kontrastieren von Hell und Dunkel entfalten in den Bildern der Quallen einen faszinierenden Nuancenreichtum.

Wandeln im Unterwasser-Hain
Baumwipfeln gleich wiegen sich die Tentakel der Seeanemonen im sachten Wellengang, rhythmisiert im Stakkato der photographisch gespeicherten Anblicke. Zum tiefblauen Panorama gefügt, erschliesst der Bilderreigen dem defilierenden Betrachter die Choreographie amorpher Expansion, pulsierender Vitalität oder abrupter Ballung des Organischen. Geheimnisvoll huldigt die Unschärfe der Aufnahmen dem Fluidum der Riff-Landschaft und weckt die Erinnerung an diffuse Traumgesichte – so entrückt wie die vielbesungene Suche nach der blauen Blume’, dem Sinnbild romantischer Sehnsucht nach der Aufhebung aller irdischen Begrenzung.

Blaues Wunder
«Diese Farbe macht für das Auge eine sonderbare und fast unaussprechliche Wirkung», sinniert Wolfgang von Goethe in seiner Farbenlehre. Er bezeichnet Blau als eine Energie, lokalisiert diese indes auf der negativen Seite und fährt fort: «sie ist in ihrer höchsten Reinheit gleichsam ein reizendes Nichts. Es ist etwas Widersprechendes von Reiz und Ruhe im Anblick». Kaum konziser als mit Goethes Betrachtungen lässt sich die Qualität dieser absoluten Bläue in Worte fassen. Bodenlos und zerfliessend dehnt sie sich im Gesichtsfeld des Visavis aus. Einer gegenständlichen Zuordnung entfremdet, zeugt sie von sphärischer Dimension, in solch kostbarem Leuchten dem blauen Glas gotischer Kathedralen vergleichbar.
Diese Steigerung von Wasser zu einem ätherischen, lichtdurchfluteten Mirakel möchte man zur Illustration eines Postulates von Paul Klee heranziehen, welches er 1908 in sein Tagebuch notierte.

 

 

Er fordert: «Reduktion! Man will mehr sagen als die Natur und macht den unmöglichen Fehler, es mit mehr Mitteln sagen zu wollen als sie, anstatt mit weniger Mitteln.
Das Licht und die rationellen Formen liegen im Kampf, das Licht bringt sie in Bewegung biegt gerade, ovalisiert parallele, dreht Kreise in die Zwischenräume, macht den Zwischenraum aktiv. Daher die unerschöpfliche Mannigfaltigkeit.»

Den gelungenen Einsatz der angemahnten «weniger Mitteln» demonstriert in Bohren/ Magonis Werken insbesondere die gänzlich entgrenzte photographische Versenkung in die Öde eines unbelebten Meeresraumes, wo die Topographie des Grundes eine Vision von Unendlichkeit darbietet. Die verschwommene Wiedergabe des Aquariums-Sandes löst den Bezug zum eindeutig Konkreten auf und evoziert so die von Klee gepriesene «unerschöpfliche Mannigfaltigkeit».

Sphärenwechsel
Zu einem geradezu körperlichen Eintauchen in ein virtuelles Unterwasserreich lädt die Video-Installation «austiefen», Angelpunkt und Fokus der ganzen Ausstellung. Ausgangspunkt bildet die ruhige, leer belassene Ecke gegenüber mit Einblick in den von aussen nur fragmentarisch wahr­nehmbaren Erlebnisort. Schmal beschaffen ist sie, die Öffnung zum Durchgang, einer Schleuse vergleichbar. Ein Korridor, zweieinhalb Meter hoch und mit 50 cm nur gerade körperbreit, lenkt den Schritt hin zur räumlich-visuellen Entdeckung. Der Couloir bewirkt durch seine Länge von neun Metern und die optische Verengung einen Sog – irritierend hallt der Klang der eigenen Schritte beim Gang durch diesen Erschliessungskanal.
Ein Sphärenwechsel wird beim Betreten dieses Raumes erlebbar. Ein Sphärenwechsel stellt sich ein, wenn die überdimensionierten Schatten der Betrachterinnen und Betrachter beim Durchschreiten der Installation auf die Projektionsfläche geworfen werden und den Fisch überlagern. Für Aussenstehende interessant zu beobachten ist ausserdem der sprunghafte Wechsel von körperlicher Gegenwart eines Eintretenden zur ent­materialisierten Silhouette, welche sich unvorhersehbar abzeichnet oder entzieht.
Schliesslich im Tiefenraum angelangt, findet man sich Aug’ in Aug’ mit einer aussergewöhnlichen Kreatur. Ein schwarzes Blicken ohne Iris und Lidschlag, ein gebanntes Schauen, umstrahlt von irisierenden Lichtreflexen, gleitet mit dem nur ausschnitthaft erkennbaren Körper langsam durch das dunkle Nass.

Beim Erkunden der Exponate von Ursula Bohren Magoni und Claudio Magoni wird das Augenmerk auf das Erfahren aussergewöhnlicher Räume gelenkt, der Blick kann vordringen in verborgene Strukturen des Lebendigen. Das Betrachten der sorgfältig zusammengestellten und inszenierten Kunstwerke gerät zu einem sinnlichen unterseeischen’ Erkundungsgang. Stille Poesie offenbart sich beim Ausloten solch wässriger’ Gefilde.

 

Gabrielle Obrist, 1. 9. 2002