delsbergerstrasse 31 • ch - 4242 laufen • tel/fax ++41 +61 761 11 81 • jeschmid@swissonline.ch
  
projektraum • horburgstrasse 95 • ch - 4057 basel • mobile tel ++41 +79 778 92 58

   
 

Miquette Rossinelli, Foto/Mixed Media, Ausstellung vom 21. 1. bis 24. 2. 2007

• Presse, Wochenblatt Laufental (pdf 185kb)

 

Einführung von Wolfgang Sautermeister

Draußen drinnen sein und Drinnen draußen

Liebe Anwesende
Wir sind gerne zuhause;
in unseren eigenen vier Wänden finden wir Schutz und Geborgenheit.

Gaston Bachelard hat tief darüber nachgedacht, wenn er sagt:
„Im Leben des Menschen schließt das Haus Zufälligkeiten aus, es vermehrt seine Bedachtheit auf Kontinuität. Sonst wäre der Mensch ein verstreutes Wesen. Es hält den Menschen aufrecht durch alle Gewitter des Himmels und des Lebens hindurch. Es ist Körper und Seele. Es ist die erste Welt des menschlichen Seins. Bevor er in die „Welt geworfen„ wird, wie die eiligen Metaphysiker lehren, wird der Mensch in die Wiege des Hauses gelegt. Das Leben beginnt gut, es beginnt umschlossen, umhegt, ganz warm im Schoße des Hauses“.

Lassen sie mich noch etwas verweilen beim Haus und folgen sie mir dann bei meinem Gang zur Tür.

Hinausgehen und Eintreten durch die eigene Wohnungs- oder Haustür können gleichermaßen erwartungsvolle oder genussreiche Aktivitäten sein. Es gibt je nach Gestimmtheit und Lebenslage, die nach außen gewandte Wahrnehmungserwartung oder das Bedürfnis zu Heimkehr und Abschließung. Jedes Weggehen und jedes Kommen sind Aufbruch und Wiederkehr, eingebettet in eine Kulturgeschichte der Übergänge nicht nur in der Benutzung des Hauses.
Also halten wir das mal fest. Wir sind gerne zuhause. Aber hin und wieder gehen wir auch hinaus; Ja, wir müssen sogar immer wieder hinaus gehen auch deswegen, weil wir uns in dem zu lange anhaltenden „Drinnen-Sein“ nicht mehr wohl fühlen.

Dann gehen wir hinaus, - in die Natur.

Aber es ist noch verzwickter, Karl Bohrmann schreibt in seinen Notizen:
Das unbegrenzte Draußen hereinzuholen und gleichzeitig das begrenzte Drinnen zu erweitern. Das heißt: der Wunsch, ich möchte draußen drinnen sein und drinnen draußen.“


Und ich will sogar noch eins oben drauf setzen und gegebenenfalls noch mehr Verwirrung stiften, indem ich in meiner Einleitung auch noch Rilke zitiere:
Denn gestehen wir es nur: Die Landschaft ist ein Fremdes für uns und man ist furchtbar allein unter Bäumen, die blühen und unter Bächen, die vorübergehen. Allein mit einem toten Menschen ist man lange nicht so preisgegeben wie allein mit Bäumen. Denn geheimnisvoller noch ist ein Leben, das nicht unser Leben ist, das nicht an uns teilnimmt und gleichsam ohne uns zu sehen, seine Feste feiert, denen wir .... wie Gäste, die eine andere Sprache sprechen, zusehen.“
Das mag genügen fürs erste.

Die Einführung von Barbara Oetterli siehe auf der Künstlerinnenseite.

Zu den Arbeiten von Miquette Rossinelli.

Zunächst fällt auf, dass sie eine Vielzahl von kleinformatigen Bildern an den Wänden verteilt. Bilder oder von weitem einfach mal so angeschaut „irgendetwas Farbiges“, das sie auf dicken weißen Bildträgern....oder sind es Leinwände ?...gemalt hat.

Um mehr sehen zu können, müssen wir schon näher an sie herantreten. Dann schauen wir in immer wieder phantastische Farben hinein, wir erkennen Landschaften ... so wie wir sie von Ansichtskarten oder Urlaubsfotographien her kennen, oder Innenräume mit Fenstern, ja sogar auch Industriebauten .

All das Gesehene liegt in einer eigenartigen Ferne zwischen Erscheinen und Verschwinden.

Schöne Ansichten von Landschaften sind zum Teil mit „giftigen Farben“ übermalt. Da ziehen dann unheimliche Nebel auf, unklar, ob Giftwolke oder einfach nur magische Erscheinung. Umwölkt, übermalt, ausgemalt, zugedeckt oder mit Farbschleiern überzogen entstehen nicht selten auch ganz neue Landschaften ... aus den alten ... darunter .... liegenden.

Je länger wir vor so einem kleinen Bild stehen, können wir immer wieder neue Stellen erkennen. Etwas taucht auf ..... es wird nicht lange dableiben ... so scheint es wir sehen.... wie in das Innere einer Wolke....

Es sind, wie ich schon sagte, recht kleine Formate, die ein ganz anderes Sehen erfordern wie die Leinwände von Barbara Oetterli. Da mussten wir Abstand nehmen und zurücktreten, um das Ganze überschauen zu können.

Hier nun bewegen wir uns stark darauf zu und sehen, wie in kleine Fenster hinein ... in Licht-Bilder

...die auf eine geheimnisvolle Art und Weise von innen heraus leuchten und strahlen, gefährlich und schön zugleich.

Dabei verlieren meistens die auf den Ansichtskarten oder Fotographien gezeigten Landstriche ihre eindeutige Topographie.

Manche der Farben erinnern an solche, wie wir sie von verschimmelten Lebensmitteln her kennen. Und tatsächlich vermischen sich in diesen Bildern Kritik an der Zerstörung unserer Lebensräume durch eine immer weiter fortschreitende Industrialisierung mit der Faszination an allem, was die Farbe hergibt und kann, wenn man sie nur lässt.

Durch das Bemalen der Ansichtskarten bzw. Fotographien werden chemische Prozesse ausgelöst, die sich dann in einer ganz eigenen Farbigkeit zeigen.

 

 

 

 

Das hat durchaus auch etwas mit Alchemie zu tun; und tatsächlich geht es Miquette Rossinelli in all ihren Arbeiten um ein Ausloten zwischen Chaos und Ordnung.

Sie will gar nicht unbedingt mit dem Pinsel ordentliche Bilder malen.

Vielmehr
will sie Energien entfachen, den Farben ihren freien Lauf lassen ...., so dass sie richtig leuchten, dass sie schimmeln, dass sie aufblühen, aufplatzen, wie Adern strömen, aufschreien und flüstern.

In der Natur ist das nicht anders für sie; das erlebt sie auch dort und holt das ganze ... oder zumindest etwas davon herein in ihre Bilder.

Ich denke, jetzt ist auch der Zeitpunkt da, wo ich etwas zu dem Titel dieser kleinformatigen Malerei sagen will; jetzt muss er hinzukommen.

Miquette Rossinelli fasst sie mit dem Titel: “Eingelegte Erinnerungen“ zusammen.

Ein schöner Titel, wie ich finde, der bei mir auch Assoziationen an Essen aufkommen lässt. Vielleicht lasse ich mich da ja etwas zu sehr treiben; aber es führt mich in die Küche, zum Kochen..

etwas wird eingelegt, zubereitet, in einem gewissen Zwischenzustand.... fast .. wie balsamiert ... oder eingemacht....

“Einlegen“ hat mit Aufbewahren zu tun, mit Erhalten ..., in diesem Zusammenhang also, dass etwas nicht vergessen wird ..., dass es in Erinnerung bleibt ...., hat auch etwas mit einem Archiv, einem Album zu tun...

Die von der Künstlerin verwendeten Ansichtskarten und Fotographien dokumentieren auch ihre Reisen, sind Erinnerungen daran. Besondere Orte und Zeiten.

Die gute alte Postkarte, so kitschig sie auch immer wieder sein mag, ist nicht tot zu kriegen. Sie dokumentiert zugleich eine bestimmte Ästhetik von Weltaneignung .... und wir alle verteufeln dieselbige ... verschicken sie aber dann doch ..... gehen auf Flohmärkte ..., um dort in alten Schachteln zu wühlen ... auf der Suche nach der traumhaft-schönen, wertvollen alten Ansichtskarte, die uns noch zeigen kann, wie es einmal war.

Diese alten Postkarten finden wir ....., wer hätte das je gedacht, wieder interessant.

So halten wir dieses dünne, flache Etwas ganz verzaubert in unseren Händen und nicht nur das.

Diese alten Abbildungen regen beide Künstlerinnen zu neuen Bildern an.

Alte und neue Sichtweisen verbinden und durchdringen sich und werden mit eigenen Fotografien ergänzt.Fotografieren ... und ich nehme jetzt auch einfach mal die Malerei dazu... bedeutet Teilnehmen an der Sterblichkeit, an der Verletzlichkeit und Wandelbarkeit der Welt ... so das etwas abgewandelte Zitat von Susan Sontag.

Rosinelllis Bildträger sind eine Art Styropor, ein recht leichtes Material, das wir von Baumärkten kennen. Darauf bringt sie ihre Bilder an ... legt sie dort in zum Teil extra dafür gemachte Mulden ein. Die Dicke des Materials gibt den Bildern etwas blockhaft-körperliches, etwas schweres und leichtes zugleich.

Ihre Malerei auf Leinwänden, wie wir sie hier in einigen Beispielen und größeren Formaten sehen können, sind aus Schütt - und Fließbewegungen entstanden.

Also keine Malerei mit Pinsel und Palette. Was wir hier in Ausschnitten sehen, sind Landschaften, die, wie in der Natur ...., durch allerlei Kräfteeinwirkungen ... zustande gekommen sind .

Diese Malerei will eigentlich das Unmögliche möglich machen, indem sie selbst zu etwas Lebendigem, zu einer Art Organismus werden soll ... mit Adern... Puls und Herzschlag.

Aber sie landet letztendlich im Bild und bleibt da gefangen ... die Farben wollen ausbrechen und über die Ufer schlagen...., das spüren wir,...das hören wir und das lässt uns auch keine Ruhe.

Ich möchte zum Schluss kommen.
Innenräume sind nicht unbedingt enger begrenzt als Außenräume.
Erinnern sie sich, ich komme zu meinem Anfang zurück.
Bilder phantasierter Räume benötigen Grenzen, um als Bilder wahrnehmbar zu sein; sie benötigen den Rahmen oder die Zeitfolge. Aber genug davon.

Wahrscheinlich waren das viel zu viel der Worte und irgendetwas ist mit mir durchgegangen. Wir sind gerne zuhause.

Liebe Anwesende, neulich bekam ich einen Brief von einem gewissen Robert Walser. Ich öffnete ihn und da fand ich auf einem etwas zerknitterten Briefpapier mit Bleistift folgende Sätze geschrieben: „ Spazieren muss ich unbedingt, damit ich mich belebe und die Verbindung mit der Welt aufrecht erhalte.....ohne Spazieren wäre ich tot“.

Ich danke ihnen für ihre Aufmerksamkeit.
Wolfgang Sautermeister, 19.1.07