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Krassimira Drenska, Zeichnung, Lichtobjekt

Ausstellung  20. November bis 23. Dezember 2005

Krassimira Drenska – Kartographie der Sphären von Inspiration und Assoziation

 


Nach dem Entstehungshintergrund der "Cyan pictures" befragt, erzählte Krassimira Drenska mit einem Schmunzeln, ihre Hand hätte sich beim Zeichnen dieser drei Arbeiten wiederholt verselbständigt, die Gebilde seien manchmal quasi wie ein Gewächs ins Wuchern geraten und hätten sich nur widerwillig der Planung ihrer Urherberin untergeordnet. Gelegentlich musste die Künstlerin dem lustvollen Zeichnungsknüpfen auf dem Papier Einhalt gebieten, um ein potentielles Allover in seine Schranken zu weisen. Die gestalterische Disziplin im schier unbändigen schöpferischen Fluss hat zu Werken geführt, die faszinieren. Geheimnisvoll hängen die wirren Netzfetzen in einem diffusen Bildraum, schweben richtungslos vor unsern Augen in einer materielos scheinenden blauen Sphäre. Der Untergrund, ein cyanfarbener feingewobener Stoff, auf den die Zeichnungen von der Künstlerin in einem aufwendigen Siebdruckverfahren übertragenen wurden, lässt die dahinterliegende Wand durchschimmern, was die Wirkung von Zartheit und Flüchtigkeit der "Cyan pictures" unterstützt.
Die wundersamen gezeichneten Gespinste lassen stellenweise an ‚Spinnen-auf-Abwegen’ denken, an Relikte delikater Spitzen- und Klöppelarbeiten, an archäologische Funde von Gazefragmenten, vielleicht sogar an den Schopenhauerschen zerrissenen Schleier der Maya. Sie wirken wie Fragmente einst intakter filigraner Knüpfarbeiten und rufen Objekte grössten handwerklichen Geschicks und textiler Tradition in Erinnerung, wie wir sie aus volkskundlichen Sammlungen oder aus Textilmuseen kennen. Einige Partien führen eigenartige drahtige Wicklungen vor Augen, andere verweisen auf heillos verhedderte Fäden – verzogene Netze, deren Verknäuelungen und Verknotungen unauflösbar scheinen. Die Faszination für diese Kunstwerke rührt her von der Konzentriertheit in deren Linienführung, von der subtilen Ballung gestalterischer Energie in diesen rätselhaften, ja skurrilen Netzwucherungen.
Mit "Passages" von 1998 findet sich eine weitere bemerkenswert Werkgruppe von Krassimira Drenska in der Ausstellung: Die speziell zugerichteten Lichtquellen hinterleuchten eine vorgespannte Schwarzweiss-Photographie. Das blaue Leuchten aus den Kästen weckt sogleich das Interesse des Visavis und lockt zur genauen Erkundung des Darin-befindlichen, wobei die vier surreal anmutenden Stilleben einiges Kopfzerbrechen bereiten können. Es handelt sich um Mises en scËne, bestückt mit banalen Alltagsgegenständen wie mit fremdartig ausschauenden Objekten, so dass sie sich als eigenwillige, wenn nicht gar absurde Konstellationen präsentieren. Es handelt sich um überraschende Variationen von Stilleben-Kompositionen, insofern als die Tradition dieser Kunstgattung sowohl zitiert wie auch ironisiert wird: Krassimira Drenska lässt auf der fiktiven Bühne ihrer Lichtbilder die eingesetzten Dinge zu Charakterdarstellern werden und in kuriose Beziehung zueinander treten.

 

 


Beim Schauen in diese Illusionsräume könnte die Vermutung aufkommen, Augenzeuge eines alchimistischen Experimentes, einer paraphänomenalen Demonstration oder verschlüsselter Bildbotschaften zu werden. Mit ihren blauen "Guckkasten-Bühnen" erweist die Künstlerin einigen Vorbildern ihre Referenz, knüpft an das Schaffen der Dadaisten und Surrealisten an, wobei hier insbesondere Man Ray und Max Ernst erwähnt werden dürfen. Wie diesen namhaften Vorläufern gelingt es Krassimira Drenska in ihren photographischen, zeichnerischen und malerischen Werken uns Betrachtende in Bann zu schlagen, denn die fast magische Atmosphäre irritiert und schliesst eine einfache verbindliche Deutung des Arrangements schlichtweg aus.
Dass die Künstlerin über einen ausgeprägten Sinn für absonderliche Gegebenheiten im Alltag verfügt, machen nicht nur die hinterleuchteten Stillebenphotographien offenkundig, sondern auch die von ihr mit der Kamera eingefangenen Situationen ‚am Wegrand’. Beispiele hierfür finden Sie an der Eingangswand, wo einer der beiden ausgestellten Siebdrucke eine kuriose Erscheinung in den Gassen von Lissabon vergnüglich karikiert – voil‡ "Bonjour tristesse" und Katzenjammer.
Die von Krassimira Drenska für die "Cartographies du territoire" ausgewählten Werke sind geschaffen für inspirierende Betrachtungen. Stimuliert von diesem ‚Kartenmaterial’, kann die Exkursion in die Sphären der eigenen Eingebung und in die weiten Felder der Assoziation gewagt werden.

 

Gabrielle Obrist, Kunsthistorikerin

  • bazkulturmagazin, 15.12.05 pdf 234KB