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Dadi Wirz, Installation, Zeichnung

Ausstellung  20. November bis 23. Dezember 2005

Dadi Wirz – Kartographie der Erinnerung an erforschte Charakter-Flüsse

 


Wir sind vom Künstler eingeladen, uns in Papua-Neuguinea zu wähnen und auf den Sepik zu schauen. Das rund 1100 km lange Gewässer entspringt im Zentralgebirge der riesigen Insel und mündet bei Watam in die Bismarcksee. über 500 km des Stromes sind schiffbar und bilden den Garant für Gütertransport und Austausch zwischen den zahlreichen Völkerschaften des Landes.
Dadi Wirz bringt uns diesen Fluss, an welchen viele Erinnerungen seiner Jugend geknüpft sind, näher, indem er dessen Erscheinung in zahlreiche Einzelbilder aufgliedert und die so gesonderten Abschnitte als Silhouetten auf weissem Grund zeigt. Das Fliessen des Sepik manifestiert sich in der Serie von dynamisch geschwungenen Bändern, die ihrerseits daran denken lassen, dass ein solcher Flussverlau über die Jahrmillionen durch die Bedingungen in der Topographie und Geologie des Landes sowie durch die physikalischen Kräfte strömenden Wassers geprägt wurde und sich förmlich in die Landschaft eingeschrieben hat. Die orange konturierten breiten Graphit-Linien auf weissem Grund stellt somit eine Art Zeitraffer und Kräftediagramm dar. Das Registrieren des Flusses, das Kartographieren und Beschreiben vielfältiger Eigenschaften werden in dieser einprägsamen graphischen Serie unterschwellig aufgezeigt durch die Verwendung eines besonderen Bildträgers. Die Flächen unter der Acrylglasabdeckung entpuppen sich bei genauerer Betrachtung als Aneinanderreihung vormaliger Haltestege für Hängeregistratur-Mappen. Dies erklärt denn auch die gezackten Seitenränder, welche ihrerseits auf ausgerissene Papierseiten eines Heftes mit Spiralbindung, also eines linierten Notiz- und Arbeitsbuches, zu verweisen scheinen.
Die Sepik-Bildfolge könnte demnach auch als ausgebreitete Tagebuch-Folge verstanden werden, als Bildzeugnis einer Forschungsreise, deren Etappen auf und entlang des Flusses mit grosser Genauigkeit festgehaten und nun zur abschliessenden Konklusion aneinandergefügt sind: Das Porträt des Flusses mit all seinen besonderen Kennzeichen ist gemalt. Schwung und Temperament des Gewässers finden hier ihre adäquate Entsprechung.
Dadi Wirz lernt seine Flüsse stets persönlich kennen, bevor sie sich in einem Kunstwerk niederschlagen. Ein anderes Vorgehen, ein simples Übertragen und Modifizieren bereits bestehender Karten im Sinne einer Konzeptkunst würde er sicherlich für sein Schaffen als ein mangelhaftes künstlerisches Verfahren erachten. Vielmehr ist es ihm unverzichtbare Voraussetzung für die Er- und Bearbeitung der jeweiligen Flusszeichnung, den Charakter von Landschaft und Strom zu erkunden. So macht sich denn der Künstler auf den Weg, fährt und wandert weite Strecken des jeweiligen Wasserlaufes ab. Die gesammelten Eindrücke und das persönliche Erleben an den Ufern speichern sich in den sehr verschiedenen künstlerischen Ausdrucksweisen. Die in der Chelsea Galerie versammelten Wellenlinien zeigen einerseits unterschiedliche Temperamente in der Graphik, andererseits variieren die verwendeten Materialien. So finden sich Ausführungen in Gusseisen oder Keramik sowie in violett eloxiertem oder in versilbertem Kupfer.

 

 


Mit Genugtuung darf an zwei Wänden die Eleganz der Schwünge helvetischer Flüsse zur Kenntnis genommen werden, die in ausgewählten Segmenten vor den Augen der Ausstellungsbesucher zu wogen scheinen.
Mit den Silhouetten der "Helvetischen Fluss-Segmente" hat Dadi Wirz schon vor geraumer Zeit ein viel beachtetes Werk für den öffentlichen Raum geschaffen: eine "Helvetische Flusssäule", erstmals zu sehen am Skulpturenweg Grauholz 1998, anlässlich des 150 Jahr Jubiläums der Eidgenossenschaft. Die charaktervollen Schwünge 17 ausgewählter Schweizer Flüsse präsentieren sich im genannten Werk als mit Laser-Wasserstrahl in grosse Kupferplatten geschnittene Schablonen, welche zu einer Hexagon-Stele montiert sind. Das 2.60 m hohe Gebilde ist heute eingebettet in die Vegetation des botanischen Garten von Porrentruy.
Eine weitere Flussthematisierung findet sich in der Installation "Thames River". 1997 bereiste Dadi Wirz die Themse von der Quelle bis zur Mündung. Im daraufhin entstandenen Werk hat sich die Erinnerung an den bedeutendsten Fluss Englands in einer sinnbildlichen Installation niedergeschlagen. Rund achtzig Abschnitte lagern in insgesamt zwölf metallenen Köfferchen, als ob es sich um die Muster-Kollektionen von Handelsreisenden handelte. In der Chelsea-Galerie ist eines dieser Blechbehältnisse präsentiert, begleitet von zehn, sozusagen als Horizontlinie gehängten, Einzeltafeln.
Der Fluss fliesst in dieser Arbeit als sein künstlerisch gestaltetes Alter ego, denn die Abschnitte sind hier nicht als Zeichnungen abstrahiert und dokumentiert, sondern als präzis gekrümmte Glaskanülen ausgeführt, in deren Hohlraum Quecksilber eingeschlossen ist. Das aussergewöhnliche Metall, welches uns allen so vertraut und gleichzeitig wegen seiner Gefährlichkeit suspekt ist, kann eine Vielzahl von Sichtweisen und Themen ins Bewusstsein rufen, die in Zusammenhang mit der Nutzung der Natur durch den Menschen stehen. Erwähnt seien hier etwa der Segen einer Wasserstrasse für Handel und Prosperität – man mag die Köfferchen in diese Richtung deuten wollen. Ferner sei daran erinnert, dass ein Strom durch starkes Kanalisieren – die hermetisch verschlossenen Glasröhrchen könnten als solches verstanden werden – bei Überschwemmung oftmals unkontrollierbare Wucht und Zerstörungskraft an den Tag legt. Das schimmernde Quecksilber schliesslich, wenngleich schön anzuschauen, lässt uns an die gesundheitsgefährdende und artenbedrohende Verschmutzung denken, mit welcher die Industrien Gewässer wie Luft kontaminieren. Dieses – formal wie inhaltlich – vielschichtige Werke von Dadi Wirz bricht Bahn zu einer sehr differenzierten Betrachtung und zur Befragung unseres eigenen Naturverständnisses.

 

Gabrielle Obrist, Kunsthistorikerin

 

  • bazkulturmagazin, 15.12.05 pdf 234KB