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Colette Couleau   Zeichnung, Objekt

Ausstellung  20. November bis 23. Dezember 2005

 

 

Colette Couleau – Kartographie phantastischer Gefilde und Kreationen

 


Die grossen transluziden Blätter, wehende Bahnen, zeigen sich gleichsam von zarten Gewächsen überwuchert. Die feinen Graphitstriche sind zu bauschigen Blütenbüscheln oder Laubkronen gebündelt und zu einer Grossaufnahme vegetabiler Wucherungen stilisiert. Ein Merkmal dieser Zeichnungen ist ihr räumliches Ausgreifen in die Peripherie des Bildfeldes, wie auch das Verdichten der Linien und Schraffurflecken zu buschigen Erscheinungen im Wechsel mit Durchblicken und Leerräumen.
Mit der floralen Fülle paart Colette Couleau abstrakte Gebilde. Diese Rapporte geometrischer Formen erweisen sich als rhythmisches Extrakt der imaginären Wachstumsvorgänge – die Blätter scheinen durchdrungen von einem feinen Pochen und Pulsieren.
Colette Couleaus subtiles Operieren mit solchen motivischen ‚Abweichungen’ von der Natur rückt ihre Blattwerke in die Gefilde der Phantasie. Die Zeichnungen laden zum Eintauchen in einen Hortus conclusus, dessen Üppigkeit, Weitläufigkeit und exotische Ausstattung seinesgleichen sucht. Insbesondere das gelegentliche Auftauchen eines strahlend blauen Vogels im Geäst lässt den Ort gänzlich zum Wundergarten werden: Schablonenhaft, irreal über Kopf hängend, scheinbar auf einer Kugel balancierend, rückt dieser Schemen eines Piepmatzes die Szenerie in die Surrealität. Die Künstlerin benennt besondere Augenblicke der Freude, die sich bei einer unerwarteten Beobachtung in der Natur oder bei einer innigen Begegnung einstellen können, als Quell ihrer Inspiration. Diese Momente des ephemeren Glücksgefühls, die sich in der Erinnerung bildhaft abspeichern, will sie in ihren Zeichnungen graphisch festhalten. Einzelne Elemente in Colette Couleaus Zeichnungen dürfen deshalb als piktogrammatische Codes gelesen werden, deren Entschlüsselung und Rückbezug auf das inspirierende Ereignis der Künstlerin vorbehalten sind und nicht der Erörterung bedürfen – eine verbindliche Interpretation ist weder möglich noch im Sinne der Erfinderin. Für die Betrachterinnen und Betrachter seien die Bilder vielmehr Einladung zur freien Assoziation, zur Verknüpfung mit eigenen Erinnerungen an aussergewöhnliche und einprägsame Beobachtungen. Colette Couleau möchte mit ihren Bildern einen Reflex auslösen und zu anregendem Schauen Hand bieten.

 

 


Ähnlich traumhaft und der Phantasie unserer Kindheit entsprungen, scheint das Stelzenhaus, dessen Materialität keinen Zweifel an der Wirklichkeitsferne dieser Behausung lässt. Die Aussenhaut von flickernd reflektierender Aluminiumfolie bildet ein Paradox zum scharfkantigen quaderförmigen Körper der Hütte. überhängende Folienstreifen geraten bei Luftzug in Bewegung und können das Gebilde zum Rascheln bringen. Unsere kulturell geprägte Vorstellung von einem Haus als Garant für Schutz vor den Widrigkeiten der Witterung und der von Mensch und Tier ausgehenden Gefahren findet in dieser Kreation keine Entsprechung. Vielmehr wird die Ernsthaftigkeit eines Hausbaus in diesem Werk mit Augenzwinkern quittiert. Dem Konstrukt haftet gar der Charme eines Spielzeuges an, etwa eines Puppenhauses, einer verspielten Miniaturwelt, in die unsere Vorstellungskraft fiktives Leben hineinprojizieren darf.
Überdies überrascht der erhöhte Bezirk durch eine Verkehrung von Innen und Aussen. Während die äusseren Metallbahnen an eine Tapezierung und in ihrer kostbar glänzenden Qualität an die reiche Ausstattung barocker Prachtsäle denken lassen, findet sich im Innern ein Wandbezug, der den Blick zum Eintauchen in Kaskaden von blühendem Goldregen lädt. Opulente Natur hat Eingang in die rektanguläre Ordnung des rationalen von Menschenhand gefertigten Gebildes gefunden.
Es gehört zu den Wesensmerkmalen künstlerischen Schaffens, verschiedenartige Territorien zu verschränken und in einem schöpferisch Prozess (aus dem Paradox von materieller Welt und ungebändigter Vorstellungskraft) Kunstwerke hervorzubringen, die den Betrachtenden den Zugang zur eigenen Phantasie erleichtern und bereichern, so wie dies die Arbeiten von Colette Couleau vermögen.

Gabrielle Obrist, Kunsthistorikerin

  • bazkulturmagazin, 15.12.05 pdf 234KB