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Barbara Oetterli Relief, Objekt und Malerei, Ausstellung vom 21. 1. bis 24. 2. 2007

• Presse, Wochenblatt Laufental (pdf 185kb)

 

Einführung von Wolfgang Sautermeister

Draußen drinnen sein und Drinnen draußen

Liebe Anwesende, Wir sind gerne zuhause;
in unseren eigenen vier Wänden finden wir Schutz und Geborgenheit.

Gaston Bachelard hat tief darüber nachgedacht, wenn er sagt:
„Im Leben des Menschen schließt das Haus Zufälligkeiten aus, es vermehrt seine Bedachtheit auf Kontinuität. Sonst wäre der Mensch ein verstreutes Wesen. Es hält den Menschen aufrecht durch alle Gewitter des Himmels und des Lebens hindurch. Es ist Körper und Seele. Es ist die erste Welt des menschlichen Seins. Bevor er in die „Welt geworfen„ wird, wie die eiligen Metaphysiker lehren, wird der Mensch in die Wiege des Hauses gelegt. Das Leben beginnt gut, es beginnt umschlossen, umhegt, ganz warm im Schoße des Hauses“.

Lassen sie mich noch etwas verweilen beim Haus und folgen sie mir dann bei meinem Gang zur Tür.

Hinausgehen und Eintreten durch die eigene Wohnungs- oder Haustür können gleichermaßen erwartungsvolle oder genussreiche Aktivitäten sein. Es gibt je nach Gestimmtheit und Lebenslage, die nach außen gewandte Wahrnehmungserwartung oder das Bedürfnis zu Heimkehr und Abschließung. Jedes Weggehen und jedes Kommen sind Aufbruch und Wiederkehr, eingebettet in eine Kulturgeschichte der Übergänge nicht nur in der Benutzung des Hauses.
Also halten wir das mal fest. Wir sind gerne zuhause. Aber hin und wieder gehen wir auch hinaus;
Ja, wir müssen sogar immer wieder hinaus gehen auch deswegen, weil wir uns in dem zu lange anhaltenden „Drinnen-Sein“ nicht mehr wohl fühlen.

Dann gehen wir hinaus, - in die Natur.

Aber es ist noch verzwickter, Karl Bohrmann schreibt in seinen Notizen:
Das unbegrenzte Draußen hereinzuholen und gleichzeitig das begrenzte Drinnen zu erweitern. Das heißt: der Wunsch, ich möchte draußen drinnen sein und drinnen draußen.“

Und ich will sogar noch eins oben drauf setzen und gegebenenfalls noch mehr Verwirrung stiften, indem ich in meiner Einleitung auch noch Rilke zitiere:

Denn gestehen wir es nur: Die Landschaft ist ein Fremdes für uns und man ist furchtbar allein unter Bäumen, die blühen und unter Bächen, die vorübergehen. Allein mit einem toten Menschen ist man lange nicht so preisgegeben wie allein mit Bäumen. Denn geheimnisvoller noch ist ein Leben, das nicht unser Leben ist, das nicht an uns teilnimmt und gleichsam ohne uns zu sehen, seine Feste feiert, denen wir .... wie Gäste, die eine andere Sprache sprechen, zusehen.“

Das mag genügen fürs erste.

Von da aus möchte ich nun „Hinausgehen“, um dann „da draußen“ mich zunächst der Malerei von Barbara Oetterli und dann den Arbeiten von Miquette Rossinelli zu nähern.

Bei Barbara Oetterli haben wir es mit einer Künstlerin zu tun, die vor einigen Jahren aufs Land gezogen ist. Sie lebt in Montavon, einem kleinen Ort im Jura.

Die Entscheidung für ein Leben auf dem Lande hat sie sicherlich ganz bewusst getroffen. Und schon sehr bald wurde das ländliche Leben, die allernächsten Dinge die Themen ihrer Malerei. Einen ganz besonderen Schwerpunkt nimmt darin die Beschäftigung mit dem Thema Landschaft ein.

Die hier ausgestellten Bilder vermitteln einen Eindruck über ein äußerst umfangreiches Schaffen an dem uralten und doch immer wieder neuen Thema der Natur-Darstellung. Hier haben wir also eine Künstlerin, die an die Natur glaubt, ja, ihr vielleicht sogar noch mehr vertraut wie manch anderen Dingen des Lebens.

Sie selbst sagt über die hier ausgestellten Bilder:

Es handelt sich in dieser Werkgruppe um Landschaftsbilder, die zuerst ein Wiedererkennungserlebnis von Natur vermitteln. Lässt man sich jedoch tiefer auf die Bilder ein, entrückt das gewohnt Bekannte in ein imaginäres Zwischenbild, in eine Erscheinung von Landschaft, wie sie hinter geschlossenen Augen von der Phantasie gebildet werden könnte.

Das Erlebnis des Raumes, welches mit der Besteigung des Mont Ventoux von Petrarca ergreifend erlebt und in seinem Brief an Francesco Dionigi 1336 beschrieben wurde, führte in später Folge zur Entdeckung der Perspektive und deren Darstellung im Bild. Dieser historische Hintergrund interessiert mich bei der malerischen Umsetzung der Motive und des Inhalts.

Eine kühle Atmosphäre von Künstlichkeit liegt über den Bildern und kontrastiert die teils sentimentalen Gefühlskulissen unberührter Bergwelten.“

Soweit die Künstlerin.

Ja, wenn man das so hört, vermisst man vielleicht das eigenste Berührtsein der Malerin; aber täuschen wir uns da nicht.

Es sind ihre Bilder und da kommt vieles zusammen. Sie benützt neben ihrem eigenen Erleben auch Ansichtskarten, touristische Informationen und Landkarten, um damit „Neue Landschaften“ zu malen, ja zu schaffen, an die sie glauben kann.

Oszillierend zwischen Realität – und Traum.

Erhabenheit – Künstlichkeit und Sehnsucht .... und, sagen wir es ruhig, auch Kitsch.

Meine Damen und Herren, wir alle kennen das doch und haben es wiederholt erlebt: Man steht in der Natur und die Sonne geht unter. Immer wieder schön, berührend .... und eben oft auch herrlich kitschig.

 

 

 

 

Ein zuweilen schmaler Grat um den auch die Künstlerin weiß!

Die von uns gewünschte Natur soll eigentlich immer schön sein.

In ihr – wo denn sonst - wollen wir endlich(!) unseren Frieden finden. Sie ist unsere Bühne auf der wir gerne auftreten ..... ach .... am Meer ist es so schön und auf dem Gipfel der Berge ....

Das wusste schon Caspar David Friedrich; da werden wir wirklich zum Menschen und sind Gott nahe.

Gottfried Benn schlägt da ganz andere Töne an, wenn er sagt:

„Nichts Großes kümmert sich mehr um uns .... Man hält sich selbst in der Hand und die zittert. Man sieht über die Erde, als ob man sterben müsste .. .es ist nirgendwo mehr eine Rötung von Sehnsucht und Zukünftigkeit .... nur manchmal vom Meer kommt noch eine Stillung: da ist noch eine Ferne: schwer, dämmernd und versinkend .... unsere Beziehungen zum Kosmos sind gelöst; jeder steht isoliert, aber er ist doch nichts Großes: es fängt nichts in ihm an und es endet nichts in ihm; es läuft nur etwas hindurch, etwas völlig Neutrales ...“

Es ist schon seit einiger Zeit wieder so, dass das Thema Landschaft, das Thema Natur eben auch wieder in der Malerei thematisiert wird. So ganz verschwunden war es nie. Man muss sich nur umschauen, dann finden sich da gerade auch von einer jüngeren Malergeneration viele, die wieder Naturstücke malen. Man hat in letzter Zeit einiges gelesen; die „Aktualität des Idyllischen“, wo es von unwiederbringlich verlorener Ursprünglichkeit bis zum Rückzugsgebiet vor einer von Auseinandersetzungen und konfliktreichen Veränderungen beherrschten Alltagsrealität geht, wird intensiv diskutiert

und malerisch bearbeitet.

Also brauchen wir die Natur mehr denn je. Auch die ins Bild gebrachte. Wir stehen doch gerne vor solchen Bildern wie denen von Barbara Oetterli, gestehen wir uns das doch ein.

Nahezu ausschließlich führen uns die hier von ihr ausgestellten Bilder in die Welt der Berge.

Auch wenn wir darin keine Menschen finden, so sehen wir doch deutlich ihre Spuren. Wir sehen da Pfade und Wege. Da ist schon einmal jemand gewesen und gelaufen und es werden wieder welche kommen.... Dabei suchen wir doch stets die unberührte Natur, wir suchen auch nach Möglichkeiten der Stille und der Zeitlosigkeit und all das ist zu finden in Oetterlis Malerei.

Die Berge wirken in ihrer Farbigkeit nicht selten wie Kristalle, durchscheinend, manchmal fast wie aus Glas. Wunderbar, wie sie Nebel und Wolken malt. Wir sind weit oben und Himmelsberührungen werden möglich.

Man merkt es den Bildern von Barbara Oetterli an, dass sie in einem langwierigen Prozess entstanden sind. Da steckt viel Zeit drin. Diese Malerei wächst in einem ruhigen Atem heran.
Daneben gibt es von Barbara Oetterli auch noch sogenannte „ Landschaftsbühnen“ zu sehen.
Dreidimensionale, kleine Modelle in denen sie nicht ohne Witz und Ironie Landschaftsszenen gebaut, ja gesteckt hat.

Kleinformatige Objekte der besonderen Art. Diese „Bühnenbilder“ spielen mit dem Thema „Landschaft“ in fast unbekümmerter Art und Weise.
DIESEN Arbeiten fehlt das Stille fast Heilige ihrer Malerei auf Leinwand .

Die „Bühnen“ aus bemaltem Holz sind voller Humor und versteckten Anspielungen; kleine Welten, wie wir sie zum Beispiel auch von Puppentheatern her kennen. Da wird die Angelegenheit nun wirklich zur Kulisse, zu einem selbstgebauten, erträumten Stück Natur, das man sich mit einer Laubsäge und etwas Farbe zusammenbasteln kann.

Alles das sind ja Artefakte. Keine gemalte Natur wird je an einen tatsächlichen Spaziergang herankommen und an kein mühevolles und kräftezehrendes Bergsteigen. Das wissen wir und gerne lassen wir uns täuschen, blenden und verführen. Wir benötigen für das, was wir Realität nennen eben ganz notwendigerweise auch Bereiche, Sphären, wo andere Wirklichkeiten zum atmen kommen können und einer dieser Bereiche ist sicher die der Bilder ....die ja, wie man inzwischen weiß, in uns ein geheimes Leben führen.

Gehen wir nun weiter zu den Arbeiten von Miquette Rossinelli. siehe Künstlerinnenseite

Ich möchte zum Schluss kommen.

Innenräume sind nicht unbedingt enger begrenzt als Außenräume.
Erinnern sie sich, ich komme zu meinem Anfang zurück.

Bilder phantasierter Räume benötigen Grenzen, um als Bilder wahrnehmbar zu sein; sie benötigen den Rahmen oder die Zeitfolge. Aber genug davon.
Wahrscheinlich waren das viel zu viel der Worte und irgendetwas ist mit mir durchgegangen.

Wir sind gerne zuhause.

Liebe Anwesende, neulich bekam ich einen Brief von einem gewissen Robert Walser. Ich öffnete ihn und da fand ich auf einem etwas zerknitterten Briefpapier mit Bleistift folgende Sätze geschrieben:
„ Spazieren muss ich unbedingt, damit ich mich belebe und die Verbindung mit der Welt aufrecht erhalte.....ohne Spazieren wäre ich tot“.

Ich danke ihnen für ihre Aufmerksamkeit.
Wolfgang Sautermeister, 19.1.07