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Gabrielle Voisard, Installation, Objekt, Fotografie, Heliogravur
Ausstellung TATSACHE, 20. Oktober bis 8. November 2015
• Einführung in die Ausstellung pdf

   
 
   
 
   
 
   
 
   
 

 

TATSACHE

Der Titel „Tatsache“ ist mehr als das die verschiedenen Räume verbindende Thema dieser Ausstellung. Er ist zugleich ein Hinweis auf die künstlerische Praxis von Gabrielle Voisard (*1966). Die Analogien gehen weit über das hinaus wie sie in ihren Werken Alltagsgegenstände verwendet. Die zwei Wörter  „Tat“ und „Sache“, die für sich alleine stehend einen anderen Sinn haben, formen – in dem sie nebeneinander gesetzt werden – einen neuen Begriff mit einer neuen Bedeutung. Dabei ist die Reihenfolge dieser zwei Wortteile entscheidend: Sachetat ist etwas anderes als eine Tatsache.
Gabrielle Voisard verändert und erweitert die Bedeutung der Dinge durch ihre präzise räumliche Anordnung und spannt ein feines Netz an neuen Zusammenhängen. Die erzählerische Vergangenheit von Gegenständen spielt dabei genau so wie ihre Materialität, Farbe und Form eine entscheidende Rolle.
Gabrielle Voisard arbeitet mit Trouvaillen, die sie auf ausgedehnten Flohmarktstreifzügen, beim Einkauf in Heimwerkerläden oder auf der Strasse entdeckt. Das französische Wort Trouvaille verweist nicht nur auf den Moment des unerwarteten Endeckens, sondern auch auf die Kostbarkeit des Fundes hin. Die Schönheit der für andere wertlosen Dinge wird aufgedeckt und lässt sie in einem anderen Licht erscheinen.

Die Art und Weise ihrer Setzung der Dinge im Raum lässt Mehrdeutigkeiten entstehen und regt zu Assoziationen an. Ein an die Wand gehängter Regenmantel zum Beispiel gemahnt durch die Art der Hängung an Haut. Manchmal kann diese Ambivalenz der Dinge nur durch die Über-Setzung in ein anderes Medium sichtbar gemacht werden. Erst in der Fotografie bilden die Boxerhandschuhe nicht nur die stilisierte Form eines symbolischen Herzens, sondern erinnern, im mittleren Bild des Triptychons, an ein anatomisches, menschliches Herz. Dabei unterstützen die alten, formgebenden Verwendungszwecke der Gegenstände die Umdeutung derselben. Wie das Herz sind Boxerhandschuhe zum Schlagen gemacht. Dieser Spannungszustand lässt die Wahrnehmung der Boxerhandschuhe zwischen Stärke und Verletzlichkeit schwanken.
Es sind diese gegensätzlichen Bewegungen die Gabrielle Voisard interessieren und die sie in ihren Anordnungen auslotet. Beispielsweise das Kippmoment zwischen Dreidimensionalität und Flächigkeit. Die Verzerrungen der Gitterstruktur eines Netzes wirken wie eine raumillusionistische Wandzeichnung. Der sich am Boden auffaltende Rest des Netzes widersetzt sich jedoch dieser Lesart. Zum Teil bewirkt die veränderte Materialität eines Gegenstandes diese Ambiguität und löst jenes freudige Erstaunen aus beim Entdecken. Die sechs am Boden liegenden Schwimmringe sind nicht aus Gummi, sondern Abgüsse aus gebranntem Ton. Dadurch wird der Leichtigkeit des Objekts eine Schwere entgegengesetzt und löst die Assoziation mit Inseln oder Steinen in einem Fluss aus, über die man hüpfen kann. Etwas Ähnliches passiert bei der aus der Ferne schwer wirkenden Kette, die sich aus der Nähe betrachtet als ein feines Gespinst entpuppt, das die Künstlerin aus Draht gehäkelt hat.

Ihre Auswahl, der für eine Installation verwendeten Werke, Objekte und Materialien ist ein Prozess der Verdichtung. Einerseits kristallisiert sich das Thema jeden Raumes, mit jedem hinzu gefügten Objekt mehr und mehr heraus. Zugleich arbeitet sie bei jedem dieser Raumgefüge wie bei einem Gedicht sowohl mit dem Rhythmus wie auch mit „Reimen“. Einzelne Komponenten der Objekte sind minutiös aufeinander abgestimmt. Manchmal ist es die Farbe, wie das blasse Rot der Boxerhandschuhe, das sich exakt in der Farbe des Regenmantels wiederfindet. Manchmal sind es formale Aspekte, wie die Konturlinien der Gegenstände, die miteinander korrespondieren oder die körperliche Präsenz der Dinge. Die Stellungen sowie die Bewegungsrichtungen, die in den Objekten enthalten sind. Der hängende Regenmantel findet seine Entsprechung in der leeren, an der Decke hängenden Hülle eines Boxsackes.
Zudem wird mit dem Wort „Verdichtung“ die Wichtigkeit der Sprache in und für die Arbeit von Gabrielle Voisard „einberaumt“. Jedem der Räume ist ein mit Bleistift an die Wand gemaltes Wort zugeordnet, das die einzelnen Objekte auf einer sprachlichen Ebene miteinander verknüpft. Die vier Worte dieser Ausstellung – „Vorspiel“, „surrounded“, „medusée“ und „Insel“ – weisen in ihrer Mehrsprachigkeit darauf hin, dass für sie auch hier die Vieldeutigkeit sowie die unterschiedlichen Verwendungszusammenhänge der Begriffe in den verschiedenen Sprachen entscheiden sind. Das was letztlich ihre Unübersetzbarkeit ausmacht. Surrounded bedeutet sowohl umgeben, wie auch einschliessen, ummanteln, einfassen, umstellen, umfangen, umzingeln und einkreisen. In diesem Zwischenraum, sowohl zwischen den Gegenständen wie auch zwischen den Worten, der das Unaussprechliche, Unübersetzbare umfasst, entwickelt sich – zwischen den Zeilen – die Poesie der Dinge.
Die vier Räume der Ausstellung bilden zusammen ein Ganzes und sind eine inszenierte Abfolge. Das Spielerische und Rebusartige, das uns beim Eingang im Vorspiel entgegentritt, wird im letzen Raum mit dem Titel „Insel“, in dem auf Stoff gestickten Hüpfspiel „Himmel und Hölle“ wieder aufgenommen. In diesem Raum nimmt die Assemblage von Objekten auf das Bild „Die Toteninsel“ von Arnold Böcklin Bezug. Durch die gesamte Installation ziehen sich die Verweise auf den menschlichen Körper und seine Bewegungen, die in jedem Raum eine andere Stimmung evozieren.
In diesem Sinne sind Gabrielle Voisards Installationen Raum-Gedichte über die Tatsachen des Lebens.

Eveline Schüep, Oktober 2015