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Claudia Eichenberger, Malerei
Ausstellung 16. April bis 11. Mai 2012 gemeinsam mit Bruno Sutter, Objekt Installation

Im grossen Raum der Chelsea-Galerie liegt eine Leinwandrolle auf dem Boden, ihre Innenseite ist zur Hälfte sichtbar. An den Wänden hängen Tafelbilder und eingerahmte Papierarbeiten.

Entdeckung
Die auf- und einrollbare Leinwand 10 Meter Entdeckung (2011/2012) misst 2 x 10 Meter. Diese rund 20 Quadratmeter wurden mit Bleistift, Kohle, Graphitpulver, Terpentinersatz, Acryl, Seife und Sepia bearbeitet. Die Farbe ist getropft, geschleudert, fallengelassen. Manchmal wirken die Farben und Formen als Ergebnisse spontaner, impulsiver Aktionen, manchmal scheinen sie der Ruhe entsprungen zu sein, so zum Beispiel die dunklen Graphitkreise, die ebenfalls auf dem Bild Meditation (2011) zu finden sind. An einigen Stellen verdichten sie sich zu Ballungsorten, dazwischen bilden weisse Flächen Freiräume, auf denen zuweilen Füsse ihre Spuren hinterlassen haben.
Die Leinwand befindet sich hier in ihrer ursprünglichen Form. So ist ihre Materialität anders erfahrbar als bei den Tafelbildern. Sie ist offen gelegt, es ist möglich, bis an die Ränder und "hinter das Bild" zu blicken.
Der Titel 10 Meter Entdeckung lässt sich auf das „Entdecken“ der Leinwand beziehen. Hier ist der Ort, an dem die Besucher in die Ausstellung eingreifen können, sie sind zum Ein- und Ausrollen des Bildes eingeladen. Durch das Spiel verändert sich der Raum, die jeweils sichtbaren, ausgerollten Leinwandausschnitte lassen unterschiedliche Bezüge zu den an den Wänden fixierten Tafelbildern entstehen. Die Tafelbilder können dann als sich wiederholende Ausschnitte aus dieser grossen Leinwandrolle (oder einer imaginären) gesehen werden. Von 10 Meter Entdeckung aus lassen sich Brücken zu früheren Arbeiten von Claudia Eichenberger schlagen, zugleich fungiert diese Arbeit als wichtiger Bezugspunkt innerhalb der Ausstellung: Grundprinzipien der Arbeitsweise sind hier ablesbar, Formenbezüge eröffnen sich

Neubeginn
Diese Ausstellung zeigt einen wesentlichen Schritt in Claudia Eichenbergers Schaffen: Sie markiert quasi die "Rückkehr zum Tafelbild" und ist für die Künstlerin nach Objekten, nach Installations- und Performance-Arbeiten, ein Neubeginn in der Malerei. Ihr künstlerischer Werdegang scheint immer wieder von solchen Neubeginnen (und Enden) geprägt zu sein. Dabei ist das Grundprinzip der Veränderung, der Verwandlung, der Bewegung und der Offenheit, dem die Künstlerin folgt, eine wichtige Antriebsquelle. Seit Anbeginn stehen jedoch drei Themen im Zentrum ihrer Kunst: der Mensch, die Zeichnung und die Malerei.
Die Malerei betreffend lässt sich eine Verbindung zur Kunstgeschichte, insbesondere zur Geschichte der Malerei ziehen. Diese ist von stetigen Enden und Neubeginnen geprägt. Immer wieder aufs Neue wurde das Ende der Malerei ausgerufen, der Nullpunkt schien erreicht, was sollte dann noch kommen, was noch möglich sein? Dieser Nullpunkt wurde stets beschwört und schien jedes Mal absolut. Bis eine neue Generation von Malern (und Malerinnen) dieses Ende wieder in Frage stellte. Claudia Eichenberger durchschritt (und durchschreitet) gewissermassen diese Geschichte der Malerei, sie knüpft mit ihrer Arbeit an bestimmten Punkten an: Begonnen hat sie mit realistischen, figurativen Bildern, die vorwiegend Menschen zeigten und durch Haltungen und Bildausschnitt, durch Mimik und Gestik, Farbe und Pinselduktus menschliche Gefühle transportierten. Dann wurde die Malerei abstrakter, sie löste sich von der menschlichen Figur. Dichte Farbschichten bedeckten die Leinwände und verwiesen mit ihren organischen Formen auf körperliche Tiefenstrukturen (wie Herz, Wirbelsäule oder Becken). Daraufhin wurde die klassische Form des Tafelbildes in Frage gestellt: Die Malerei stülpte sich in den Raum hinaus, Rahmen wurden gesprengt, Bildflächen zerschnitten, auf dem Boden ausgelegt, zu Plastiken gefaltet. Zeichnungen wurden zu Objekten, zu Installationen. Der Körper der Künstlerin kam performativ mit ins Spiel – bis nur noch der leere weisse Raum übrig war, in dem sie experimentierte.

Flüchtigkeit und Kontraste
Die aktuelle Ausstellung integriert Arbeiten, die auf frühere Stufen verweisen: so neben 10 Meter Entdeckung auch die Arbeiten auf Papier Aus dem Fleck (2004) – eine Auseinandersetzung mit den Grundelementen der Malerei, Farbe (Fleck) und Linie – oder Durchschrieben (2004) sowie das Video der Performance Die Malerei „Hände“ waschen (2008, im hintersten Raum), ein witziger Kommentar zur Malereigeschichte.
Hauptsächlich sind jedoch aufgespannte Leinwände zu sehen, das Tafelbild erblüht sozusagen neu. Die Bilder, die von Linien, Flecken, Schrift und Sprühereien leben, scheinen die Erfahrungen von Aktionen und Performance in sich aufgenommen zu haben. So wirken sie oft spontan - die Farbe wird nicht mehr mit dem Pinsel aufgetragen, sondern gespritzt und gesprüht, Linien werden gezogen, gekritzelt. Eine Flüchtigkeit und Leichtigkeit bestimmt die Bilder, viel weisse Fläche lädt in ungegenständliche Räume ein, in denen die Linien, Formen und Schriften zuweilen zu schweben scheinen. Der Mensch ist hie und da präsent als Umrisslinie von Körperteilen (Händen) oder Figurenskizzen, die hinter den abstrakten Formen zu entdecken sind. Oft werden auf einer Leinwand gänzlich unterschiedliche und auf den ersten Blick nicht zu vereinbarende Bildmittel mit sehr konträren Qualitäten zusammengebracht, sodass spannende Zusammenspiele entstehen. So zum Beispiel bei Offenheit (2012, hinterster Raum), wenn ein Kreis aus zerlaufender Sepiatinte einem Bleistift-Gekritzel begegnet und mit einem frechen Gelb konfrontiert wird. Oder wenn auf einer Leinwand (Sowohl als Auch, 2012) Kohlestift, Acrylfarbe, Bleistift und Acrylspray präsent sind, die sich nicht nur durch ihre Materialität, sondern auch durch ihre jeweils spezifische Formensprache unterscheiden. Hier treffen Welten aufeinander und entführen einen über die Bildränder hinaus in ihre jeweils ganz eigenen Sphären.

Schrift, Zeichen und Symbole
Seit Beginn bilden Graphit und Bleistift den Anfangspunkt von Claudia Eichenbergers Bilder. Zeichnungen beziehungsweise Kompositionsskizzen lagen stets den gegenständlichen Malereien zugrunde. Heute beschreibt die Künstlerin als erstes die weisse Leinwand, durch die Schrift erhält das Bild den ersten Input, Themen werden formuliert, Sätze gekritzelt. Später wird das Geschriebene übermalt, befleckt, besprüht und während des Prozesses von der Künstlerin selbst oft nicht mehr erinnert. Wie eine Art Unterbewusstsein ist es jedoch stets anwesend und womöglich prägend für den weiteren Verlauf.
War die Schrift bei den abstrakten Malereien oft weitgehend unter Schichten verborgen, so ist sie in den neusten Arbeiten als wesentliches Bildmittel präsent. Die geschriebenen Worte tauchen auf den Oberflächen auf, als wären sie dorthin gespült worden. Sie sind jedoch nicht eindeutig lesbar. So ist im Bild Übergang (2012) nicht klar: Heisst es nun "heute", "Leute" oder etwa "beute"? Oder womöglich sogar Englisch "hate"?
Die Zeichen verlieren ihre Eindeutigkeit und somit ihre konventionelle Bedeutung. Sie funktionieren nicht mehr im System der Sprache, denn damit ein Wort erkennbar ist, muss sich jeder Buchstabe vom anderen unterscheiden. Ist dies nicht gewährleistet, können die Worte bei den Betrachtenden bzw. Lesenden nicht mehr die Vorstellungen von „Tisch“, „Baum“ oder „Stuhl“ erzeugen. Die Schrift ist zum Bildmittel geworden, zusammen mit Farben, Flecken, Linien und Flächen. Umso bewusster wird ihre Materialität, ihr Duktus, ihre Konsistenz, ihr Schwung. Der ständige Prozess des Codierens und Decodierens wird so unterbrochen, es kehrt plötzlich für einen Moment Stille ein – eine Art „vorsprachliches“ Moment.
Ähnlich wie die abstrakte Malerei, die kein Haus, keinen Himmel mehr zeigt, eröffnet das unleserliche Wort die Möglichkeit, Neues, Anderes zu lesen, zu sehen. Claudia Eichenberger spielt gerne mit dem Prozess des Codierens und Decodierens. Sie erfindet Zeichen und besetzt bereits bestehende neu. Symbole kehren auf den Leinwänden immer wieder, so zum Beispiel die Acht (In Achtung, 2012, hinterster Raum). Auch sich wiederholende Linien, Flecken oder Farben fungieren gewissermassen als Zeichen: Die Kohle-Linie im Bild Meditation verbindet Elemente innerhalb des Bildes miteinander und ist zugleich in der Form eines angeschnittenen Kreises in Sowohl als Auch zu finden. Ähnlich steht es um den Fleck, der auf einigen Leinwänden sichtbar ist.

Neue Gebiete
Die aktuellen Arbeiten von Claudia Eichenberger loten neue Bereiche aus und stossen in unbekannte Gebiete vor, die auf materiell weniger verdichtete Schichten verweisen. Während der menschliche Körper früher als solcher in den Malereien präsent war und direkt angesprochen wurde, laden nun Bilder in ungegenständliche Sphären ein, wo das Denken, der Geist und – wer weiss, vielleicht die Seele – zuhause sind.
Aus Schriften, Flecken, Linien, Formen und Farben entsteht eine Art Zeichensystem, das geheimnisvoll und verhalten ist, das einem auf die Spur lockt – man will ja doch so gerne wissen, was da steht, was gemeint sein könnte – und einen dann doch sich selbst und der eigenen Phantasie überlässt.

Noemi Grieder, Kunsthistorikerin Basel