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  Bruno Sutter in der Chelsea-Galerie
 

 

 


Bruno Sutter, Objekt Installation
Ausstellung 16. April bis 11. Mai 2012 gemeinsam mit Claudia Eichenberger, Malerei

Bruno Sutter arbeitete vorwiegend mit Holz, bis er vor rund zehn Jahren den Werkstoff Papier und Karton für sich entdeckte. Dieser bildet nun das hauptsächliche Material, mit dem er seine formal reduzierten und materiell sowie konzeptionell vielschichtigen Objekte schafft.

Der Künstler hat ein Verfahren entwickelt, mit dem er seinen Werkstoff gewinnt: Die Rohstoffe, im Falle der Objekte in der aktuellen Ausstellung stapelweise fehlproduzierte Verpackungskartons und Kataloge, bezieht er meist von Fabriken, bevor sie recycelt worden wären. Auch Altpapier findet Verwendung. Die Karton- und Papierstapel werden aufeinander geschichtet und mit einem Eisenstab durchbohrt, zusammengepresst und auf zwei Seiten (oben und unten) von einer Eisenplatte verschlossen. So entsteht, ohne jeglichen Klebestoff, ein kompaktes Material. Dieses wird zuerst mit der Kreis- und dann mit der Kettensäge bearbeitet und in die endgültige Form gebracht. Manchmal werden zwischen die Schichten farbige Papiere oder fremde Substanzen, wie zum Beispiel Kunststoff gelegt, um den Werkstoff zusätzlich visuell zu strukturieren.
Bruno Sutters Verfahren vereint das Prinzip der Plastik – bei dem aus Materialien durch ein additives Verfahren ein Objekt aufgebaut wird – mit dem Prinzip der Skulptur, bei dem von einem bestehenden Material überflüssiges weggenommen wird.
Durch die Bearbeitung werden Faserungen und Strukturen der Stapel offen gelegt, die zuvor verborgen waren. Dabei ist der Zufall stets mit im Spiel: gestapelte Fehldrucke weisen an denselben Stellen Farben auf und bilden dadurch Musterungen.
Meist bietet sich je nach Perspektive der Betrachtung ein anderes Bild: Von der einen Seite erscheint die braune Fläche aus aufgesägtem Karton gleichmässig, von der anderen Seite blitzen farbige Papiere hervor (Ohne Titel, 2011, Nr. 14). Dies erinnert an visuelle Spielereien und Täuschungen wie so genannte Anamorphosen, bei denen verschlüsselte Bilder erst aus einem bestimmten Blickwinkel sichtbar werden.
Kombiniert wird das weiche, teils samten scheinende Material des geschichteten Papiers und Kartons oft mit hartem Beton, der eine glatte Oberfläche besitzt. Bei horizontal an der Wand hängenden Objekten ergibt sich so ein spannendes Zusammenspiel – welcher Teil des Objekts ist wohl schwerer, welcher leichter? Besteht ein Gleichgewicht? (Ohne Titel, 2011, Nr. 14). Bildet der Beton bei stehenden Objekten den untersten Teil, so ist er auch als Sockel lesbar (Ohne Titel, 2011, Nr. 15 oder Ohne Titel, 2011, Nr. 20).

Die Objekte sind formal reduziert. Bei der Betrachtung bewegt man sich um sie herum, man bringt den eigenen Körper in Relation zu ihnen. Durch ihre Beschaffenheit, die weichen, matten Oberflächen, wirken sie anziehend, sie laden zum körperlichen Erfahren ein – man möchte sich ihres Gewichts, ihrer Konsistenz versichern. Manchmal wird der Bezug zum menschlichen Körper explizit: Wir können uns in den schönen, tragisch-komischen Gestalten, der Installation Pet People (2012, Nr. 13) wieder erkennen, uns mit einer bestimmten „Figur“ identifizieren (so hört man manche Besucherin sagen: „Die dort, das bin ich“). Auch die Table-City (2011, Nr. 17) spricht, indem sie sich ihm verweigert, den menschlichen Körper an: Die Miniaturbehausungen können niemanden mehr in sich wohnen lassen, sie sind kompakt und verschlossen. 

In Bruno Sutters Arbeiten schwingen oft gesellschaftliche Fragen subtil mit, insbesondere die des  Verhältnisses von Natur und Kultur. Während der Künstler früher das Naturprodukt Holz bearbeitet hatte (dies zuerst als gelernter Schreiner, dann als Bildhauer), so verwendet er heute für seine Objekte Papier und Karton als weiterverarbeitete Form desselben Stoffes Zellulose. Der Grundstoff Holz ist somit bereits in den (industriellen) Produktionskreislauf der menschlichen Kultur eingegangen, er wurde verfremdet und ist als gewachsener nicht mehr zu erkennen (wer denkt schon während des Blätterns in einem Katalog an den Baum?). Durch die Bedruckung wurde die Zellulose einem weiteren kulturellen Akt unterzogen, sie wurde mit kulturellen Codes versehen. Diese Codes sind dann durch die weitere Verarbeitung bis auf ganz wenige Ausnahmen einzelner Worte, die aus den Stapeln hervorlugen, nicht mehr sichtbar. Sie bleiben eingeschlossen und im Innern der Objekte zwischen den Schichten verborgen.Bruno Sutter recycelt das Material und renaturalisiert es auf kunstvolle Weise: Das geschichtete Papier erinnert durch die Musterungen an Holz, auf den ersten Blick wirken Objekte wie ein bearbeitetes Brett an der Wand (Ohne Titel, 2011, Nr. 20) oder wie hölzerne Körper (Ohne Titel, 2011, Nr. 4). Durch die Art und Weise der Bearbeitung wird der Eindruck des Natürlichen erzeugt: Die Objekte sind immer leicht asymmetrisch, die Kanten nie ganz rechtwinklig. Sie scheinen der industriellen Massenproduktion entkommen zu sein, durch die menschliche Hand haben sie ihre jeweils einzigartige und einmalige Form erhalten. Zugleich wirkt das Material durch die ungenaue Bearbeitung wie ein natürlich gewachsenes Stück Holz.  Die Objekte besitzen allesamt eine Anziehung und Schönheit. Diese wird jedoch stellenweise durch die eingeschobenen Fremdkörper unterbrochen. So scheinen die Plastikschichten (z.B. Ohne Titel, 2012, Nr. 18) die Harmonie des sonst „natürlich“ wirkenden Materials gewissermassen zu stören. Sie machen die Objekte an manchen Stellen sperrig und zugleich interessant. Sie regen zum Nachdenken über das Material Plastik an und können durch ihre Deplatzierung Bilder von Plastikinseln oder Müllbergen in Erinnerung rufen.

Auch Table-City enthält ambivalente Momente. Miniaturhäuser sind auf einem verhältnismässig grossen Tisch präsentiert. Sie alle weisen dieselbe Form auf. Den Hochglanz, der einen zugleich klebrig anzieht und abstösst, verdanken die Häuschen einem Überzug aus Schelllack. Durch ihn sind sie gegen aussen komplett abgeschlossen und versiegelt. Das Modell macht als solches keinen Sinn, die Miniaturen, die weder Türen noch Fenster aufweisen, spiegeln die Umgebung. Je nach Lichteinfall schillern und leuchten gewisse Schichten, die in die dunklen Karton-Sedimente eingelassen sind: eine Plastikschicht, ein fransendes Jutegewebe, eine Aluminiumplatte.  Was machen die dicht gedrängten Häuser auf dem Tisch? Für den Künstler ist die komplette Versiegelung nach Aussen durch den Schelllack ein Bild für den Schutz vor möglichem Fremdeinfluss und vor Umweltkatastrophen.

Bei Pet-People wurden  unterschiedlichste Pet-Flaschen vor dem Recyceln in Beton gegossen. Sie sind lose aufgestellt und wirken wie eine Gruppe von Menschen. Allesamt sind sie grau und dadurch gewissermassen „gleichgeschaltet“. Jede Flasche hat jedoch eine andere Form und somit eine eigene Qualität – eine Individualität? –, manchmal sind die Formmerkmale geläufiger Getränkemarken wieder zuerkennen.  Auch bei dieser Arbeit ist die Frage nach dem Umgang mit Materialien, mit der Umwelt, mit Kunststoffen (bzw. Pet) und dessen Recycling implizit. Während bei den Karton-Objekten das ehemalige Verpackungsmaterial künstlerisch recycelt wird, wurden hier Pet-Flaschen in schwerem, festen Beton verewigt. Sie sind zu schönen und zugleich witzigen-tragischen Figuren geworden.

Betrachtet man die Objekte, so verweisen sie gleichzeitig in zwei Richtungen: Einerseits sind sie minimalistisch reduziert, auf sich selbst bezogen und in sich geschlossen – man geniesst ihre Schönheit, die Schattierungen durch das Licht, den Glanz, die Gegensätze. Zugleich sind die Arbeiten jedoch konzeptuell lesbar, die Materialien sind mit Bedeutungen aufgeladen, die Assoziationsräume eröffnen. Durch die Gewinnung der Werkstoffe und den Verarbeitungsprozess wird der Kreislauf von Rohstoffen thematisiert und gewissermassen ad absurdum geführt. Somit sind die Objekte auf die Gesellschaft, auf den Kontext, den Umgang mit Materialien und Ressourcen bezogen.

Noemi Grieder, Kunsthistorikerin Basel