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Gabrielle Voisard in der Chelsea-Galerie 2011

Gabrielle Voisard, Installation Objekt Fotografie Zeichnung

Ausstellung 1. Mai bis 28. Mai 2011, Ausstellungsverlängerung bis 25. Juni 2011

 

 

Gabrielle Voisard in der Chelsea-Galerie 2011

 

 

 

Gabrielle Voisard in der Chelsea-Galerie 2011

 

 

Gabrielle Voisard in der Chelsea-Galerie 2011

 

Einführung Eva Bächtold, Kunsthistorikerin
1.Mai 2011

Ich bin der Kunst von Gabrielle Voisard erstmals vor fünf Jahren im Museum der Kulturen Basel begegnet. Im Rahmen des Festivals Diesseits vom Jenseits hatte sie dem Andenken ihrer Grosseltern, die Mexiko auswandert und später wieder in die Schweiz zurückgekehrt waren, einen Koffer-Altar errichtet. Sie selbst war damals frisch zurück von einer über ein Jahr Reise mit der ganzen Familie nach Mexiko, Kuba und Argentinien zurückgekehrt. Unterdessen lebt und arbeitet die in Porrentruy geborene Künstlerin wieder im Kleinbasel. Ihre Entdeckungsreisen beginnen im Kopf und in ihren eigenen Sammlungen, führen sie in Brockenstuben und Antiquariate und verdichten sich von Zeit zu Zeit zu Ausstellungen, zuletzt  zu Odyssée (fragments) im Musée Jurassien des Arts in Moutier.

Die Ausstellung in der Chelsea-Galerie trägt den Titel Kreislauf

Die organisch gewachsene Dramaturgie der Installation umfasst sozusagen drei Akte in drei Räumen. Die Räume tragen folgende Titel:
prologue im Eingangsbereich,  métamorphose (Umgestaltung, Verwandlung) im grossen Raum, arrière-pensée (Hintergedanken) im mittleren Raum und déjeuner sur l’herbe im hintersten Raum.

Prologue
Als Künstlerin bewegt man sich immer auf dünnem Eis: Dies ist meine Lesart des titelgebenden Bild der Einladungskarte: Kreislauf - Reislauf -Eislauf K. R. Laufkreis, auf einer spiegelglatten Oberfläche.
Die Buchstaben dazu stammen aus einem Setzkasten für die Kennzeichnung von Hüten mit den Initialen ihrer Träger – mit oder ohne Doktortitel. Der Setzkasten birgt theoretisch unendlich viele Wortschöpfungen. Die Künstlerin entnimmt ihr nur das Wort Kreislauf.
Ähnlich verfährt sie mit ihrem Fundus von Objets trouvés und Rohmaterialien: Sie beschränkt sich für ihre Verwandlungen auf jeweils einen Aspekt daraus: Auf die Farbe (gelb, rosa, rot), das Material (Draht, Filz, Kokos, Gummi, Kunststoff) und komponiert daraus unerwartet neue, fremdartige Dinge oder surreal anmutende Assemblagen.
Diese werden in Beziehung gesetzt zu Worten, Texten und Bildern aus dem Bildungsschatz der Künstlerin, sie wecken ihre Hintergedanken sozusagen.
So entstehen beispielsweisee aus billigem Plastikschrott, der unseren Planeten zumüllt, exquisite, vieldeutige und skurrile Arrangements, die sich an schicke Design-Objekte anlehnen, diese aber mit ihrer Funktionslosigkeit unterlaufen. Die aufwändige graphische Gestaltung des Mauerblümchen-Buches, worin 20 dieser minimal veränderten Objekte versammelt sind, wurde denn auch prompt mehrfach für renommierte Designpreise nominiert und war eben in der Red-dot-award-Ausstellung in Basel zu bewundern.

Die Ausstellung bildet keinen hermetisch geschlossenen Regelkreis, zu dem es nur einen einzigen Schlüssel gibt, sondern ein offenes rhizomartiges System von Bezügen. Alles ist mit allem auf wunderbare Weise verknüpft. Je nach dem, wo wir in den Installations-Kreislauf einsteigen, ergeben sich andere Bedeutungszusammenhänge.

Métamorphose
Wo also in den Kreislauf einsteigen?
Ich schlage vor, mit dem Wall aus mauerartig aufeinander geschichteten Kokosmatten: Dieser macht von der einen Seite einen fest gebauten, stabilen und unverwüstlichen Eindruck. Die Kehrseite davon scheint sich aufzulösen, zu verwandeln:  Sie ist faserig ausgefranst, zersetzt und zerstört. Die Künstlerin befreit die Kokosfasern aus dem Korsett. Sie holt aus dem dicht gepressten Dämmmaterial amorphe Strukturen hervor,  die an aufgeworfene Erde, Wurzelwerk oder stark verwittertes Mauerwerk erinnern. Der Weg der Umgestaltung/Metamorphose führt dabei - eher entgegen unserer Erwartungen an Kunst- von der Form zur Formlosigkeit und illustriert den ewigen Kreislauf von Aufbau und Zerstörung, dem Natur und Kultur gleichermassen unterworfen sind. Unter der dünnen zivilisatorischen Schicht, die wir gerne Kultur nennen, bricht gewaltsam die Natur hervor.
Mit Blick aus dem Fenster ergibt sich darüber hinaus auch ein konkreter Ortsbezug: zu Laufen (was ja nichts anderes heisst als Stromschnellen), zum Fluss und Wasserfall. Die Künstlerin erinnert mit ihrer Arbeit an die zerstörerische Seite der Natur, des Wassers, welches vermeintlich feste Fundamente unterspült und in Natur zurückverwandelt.
Als Kunsthistorikerin ist mir zudem sofort die allegorische Figur der Frau Welt in den Sinn gekommen, wie wir sie als Skulptur an mittelalterlichen Kathedralen vorfinden: Sie präsentiert sich von vorne als junge betörende Schönheit, von hinten jedoch als ein von allerlei Gewürm und Getier zerfressener Kadaver. Verführungskraft und Vergänglichkeit liegen sehr nahe beieinander.

Mit dieser Ambivalenz von verführerisch und zerstörerisch spielen auch die beiden Wandinstallationen aus Kupferdraht, für die sich die Künstlerin die Finger wund häkelte. Sie dehnen sich netzartig wuchernd über die Wand aus. Auch hier kämpft die Form mit der Formlosigkeit: Sinnliche Brüste mit Brustwarzen hängen als Cluster von der Decke, stülpen sich nach innen und aussen. Sie kontrastieren mit den Löchern und Schlünden, die nur lose von Luftmaschen zusammengehalten werden und sich dreidimensional in den Raum hinein bewegen, gleichzeitig aber auch wie eine filigrane Wandzeichnung wirken. Hartes verwandelt sich in Zartes. Haut, Häutung und Verletzung. Metamorphose.

(Eine Nature Morte aus aufeinander geschichteten Polierscheiben in Morandi-Farben, Urnen sedimentierter Zeit, die den Lärm der alten Uhrenfabrik, aus der sie stammen, verschluckt haben.

Eine alte Holzkiste für 12 Flaschen)
Die Wärme speichernden und Energie leitenden Materialien Filz, Kokos und Kupfer erinnern an den Kosmos von Joseph Beuys, bei welchem Filz und Kupfer eine zentrale Rolle spielten. Was die sinnlich-körperhafte Auffassung der Skulpturen angeht, scheint Gabrielle Voisard eher eine Seelenverwandte von Louise Bourgeois zu sein, die mit ihren Skulpturen immer wieder Sexualität und Verletzlichkeit thematisierte.
Beuys und Bourgeois wären dieses Jahr übrigens genau 90 beziehungsweise 100 Jahre alt geworden.

Die Wandarbeit ex voto und wurde vor zwei Jahren für die gleichnamige Gruppenausstellung im La nef, einer zum Kunstraum umfunktionierten Kirche in le Noirmont geschaffen:
Sie stellt die Frage, wie die Dinge zu ihren (religiösen ) Bedeutungen kommen.
Es handelt sich um eine Assemblage er- und gefundener Objets trouvés, die erst durch die Auswahl der Künstlerin und die Verknüpfung mit ihrer eigenen Biographie zu persönlichen Weihegaben an eine göttliche Instanz werden. Über den Titel ex voto und durch formale Bezüge zu volkstümlichen Votivgaben werden die Fundsachen zu religiös aufgeladenen Symbolen.  
Möchte sich die Künstlerin mit dem flickenübersäten Schlauchreifen ihres Kinderwagens für die heile Rückkehr ihrer Kinder von ihrer grossen Reise bedanken?
Steht das gehäkelte, entflammte Herz für die Liebe zu Jesus, Maria oder einfach zu ihrem Partner? Dienen der Bügeleisenschutz in Tiaraform sowie zwei alte, gusseiserne Briceletformen dienen als Schutz gegen Verbrennungen im Haushalt?

Arrière Pensée (Hintergedanken) Raum 2
Hier betreten wir das Reich von Zephyr, dem Gott des Westwindes. Er ist nirgends leibhaftig zu sehen, sondern entspringt den Hintergedanken der Künstlerin und schafft subtile Anspielungen auf die Privatmythologie der Künstlerin. Zephyr war der Gatte von Flora, der Göttin, der Blumen, wie man sie von Botticellos Primavera kennt. Ihr Fest, die Floralia wurden Ende April, Anfang Mai in Rom mit grosser Ausgelassenheit gefeiert.

Ironische Verfremdung und anzügliche Hintergedanken charakterisieren denn auch auch die installative Wandarbeit mit dem Schriftzug Arrière Pensée. Das Doppelwortspiel entstammt der Gedichtsammlung Le mouvement perpétuel des Surrealisten Louis Aragon von 1926. Per Zufall (oder durch glückliche Fügung) gelangte das vergilbte Taschenbuch gerade noch rechtzeitig in die Hände der Künstlerin und bereichert nun als Referenzobjekt die Vorgeschichte (Prolog) der Ausstellung.

Anziehend-abstossende fleischfarbene Objekte wachsen in unserer Fantasie zu einem fragmentierten (männlichen) Körper  zu einem ausserordentlichen Leichnam, cadavre exquis zusammen. Dieser erinnert nur noch leise an die überflüssigen Alltagsgegenstände, die er vor kurzer Zeit noch war: Lockenwickler, Lüftungsfilter, Reisekleiderbügel oder Badewannenkissen. Ihre Zeit ist abgelaufen. Die Luft ist draussen. Erst die Künstlerin und der Betrachter hauchen den mürben Gummiteilen und vergilbten Filterfaltenwürfen neues Leben ein. Und plötzlich beginnen sie wieder zu atmen. Sie spitzen ihre Schweinsohren, spreizen ihre Arme zu Flügeln, und der Mannfilter, ja so heisst er, bläht seine Brust auf und spielt eine geile, frühlingshafte Melodie.
Zephyr, der Frühlingswind weht und bläst Flora, der Göttin der Blumen, ins Gesicht.
 
Manche der entsorgten Dinge bekommen ihr zweites Leben nur auf der zweidimensionalen Ebene des Bildes geschenkt:
So sind die beiden Heliogravüren, einer Vorläufer-Technik des modernen Tiefdrucks, als Paar aufeinander bezogen. Sie zeigen im Format 1:1 die Vorder- und Rückseite einer alten Gussform für fünf phallische (Mais)kolben, die mit der Wahrnehmung der Begriffspaare Positiv-negativ, konvex-konkav spielen.

Die Serie von fünf Fotographien eines gelben Gymnastikgummibandes erinnern an  Blüten und kunstvoll verschlungene Gliedmassen in ausgefallenen Körperstellungen.

Déjeuner sur l’herbe
Im hintesten Raum betreten wir das Reich der Blumengöttin Flora
Das rote Ding, ein Objekt aus ihrem preisgekrönten Buch (red dot award!), zieht unsere Blicke an. Es heisst Rast-Platz, und erinnert in prosaischer Form  an die Idylle, welche im Bild von Edouard Manet heraufbeschworen wird, wo zwei bekleidete Herren mit zwei unbekleideten Damen, die eine ist eben dem Wasser entstiegen, auf einer Waldlichtung picknicken: Déjeuner sur l’herbe.
Die Hintergedanken der Kritiker und des Publikums damals stempelten das Gemälde zum sexuell anstössigen Skandalbild, weil es so gar nicht der offiziellen Salon-Ästhetik entsprach.
Wie mag ein solches Frühstück heute aussehen und was ist daran heute skandalös?
Die fragmentarischen Zutaten dazu breitet die Künstlerin als Augenschmaus aus: Der brustartige Deckel rastet auf der warzigen Rothaut der schlanken Spritzkanne. Daneben ein Mini-Rasenstück, schwarz von Abgasen, ein Kunstrasen. Eine stachlige Frucht aus Eierkartons, ein Spiegel, in welchem sich die rote klebrige Zunge von gegenüber spiegelt, ein kleiner Wirrwarr von haarigen schwarzen Drahtobjekten und drei weisse ‚Stoffblüten’, dazwischen eine einzige roten Plastikblume.
Flora, die sinnliche Gefährtin von Zephyr, ist auf der Suche nach einer  neuen Identität in einer Welt aus Kunststoff. 

Gabrielle Voisard versteht es meisterhaft,  scheinbar nutzlose Alltagsgegenstände mit wenigen Handgriffen (minimalen Interventionen) aus ihrem Mauerblümchen-Dasein zu befreien, ihnen neues Leben einzuhauchen, um sie alsbald als surreal gestylte Kunstobjekte wieder neu in den Kreislauf einzuschleusen.
Sie lässt sie dabei in ihrer geheimnisvollen Vieldeutigkeit schweben, als kämen sie, wie der Titanwurz (amorphophallus titanum) im botanischen Garten Basel, von einem andern Planeten.

Eva Bächtold, 1. Mai 2011