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Ulrich Plieschnig, Malerei

Ausstellung 24. Januar bis 27. Februar 2010 gemeinsam mit Bruno Sutter, Objekt

 

 

 

 

 

 

 

ULRICH PLIESCHNIG – MALEREI
BRUNO SUTTER – OBJEKT

Einführung zur Vernissage vom 24. Januar 2010 in der Chelsea-Galerie, Laufen

In der ersten Ausstellung im neuen Jahr, Jahrzehnt treffen mit Ulrich Plieschnig und Bruno Sutter ein Maler aus Wien und ein Bildhauer aus Rubigen (Kanton Bern) aufeinander. Bruno Sutter stellt zum ersten Mal in der Chelsea-Galerie aus. Ulrich Plieschnig war schon dreimal hier zu Gast.
Auf den ersten Blick entdecken wir über die Gattungsgrenzen hinweg Verbindendes zwischen den beiden Werken:
Beide Künstler arbeiten mit dem Nuancenreichtum der Farbe Grau, das von der Etymologie her das Gegenteil von mausgrau bedeutet: nämlich schimmernd, strahlend, glänzend. Es bringt die sparsam eingesetzten Buntfarben gezielt zum Leuchten.
Das Erforschen und Experimentieren mit den elementaren Materialeigenschaften der Werkstoffe (Papier bei Sutter, Farbe bei Plieschnig) steht im Zentrum.
Auf der formalen Ebene verbindet die beiden Künstler die Reduktion auf einfache Formen und die Verdichtung durch Schichtung, wobei bei beiden die unscharfen Übergänge ein besonderes Augenmerk verdienen: Da franst es aus, dort fliesst es aus und verzeigt es sich in immer dünnere Rinnsale, da verschmilzt es, dort wird es durchscheinend.
Zudem hat ‚Seine Majestät der Zufall’ bei beiden Künstlern die Hand im Spiel und wird mit Kalkül eingesetzt.

Zu Ulrich Plieschnig

Hier möchte ich mit einer kurzen Bildbetrachtung einsteigen:

Soft A on left jellyfish 2009

Vor einem gleichmässig blauschwarzen Grund heben sich vier unterschiedliche dinghafte Zeichen ab. In der rechten Bildhälfte eine streng begrenzte geometrische Form eines vom Bildrand beschnittenen Rechtecks mit drei Querbalken. Auf der linken Bildhälfte ein grösserer und ein kleinerer kreisrunder weisser Fleck, aus welchem Farbläufe wie die Tentakel einer Qualle unregelmässig in Richtung unterer Bildrand fliessen. Die Rinnsale enden in kleinen Häkchen.
Über der linken Qualle ein grösserer oranger Fleck mit unregelmässiger Begrenzung und zu den Rändern hin durchscheinend, der von oben gleichsam in den Bildraum drängt und die linke Qualle leicht überlagert, sich gleichsam als weicher A(rsch), soft A...auf sie setzt.
Schon dieser kurze Versuch einer Beschreibung macht deutlich, dass sich auch in einem abstrakten Bild Ansätze von Narration finden. Der Künstler erlaubt und befördert sie mit seinem ironsich-frechen Titel Soft A on left jellyfish 2009. Bei der Titelgebung möchte ich einmal mehr auf Magrittes berühmtes Bild La trahison des images (Der Verrat der Bilder) erinnern, auf dem eine Pfeife mit der Unterschrift Ceci n’est pas une pipe abgebildet ist. Das Bild verweist auf das Paradoxon, dass ein (noch so realistisch) gemaltes Abbild einer Pfeife eben nicht mit dem Original einer Pfeife identisch ist. Und dass wir als Bildbetrachter manchmal vorschnell bereit sind, ein Ding, welches nur vage an eine Qualle erinnert, als solche zu bezeichnen.
Auch ohne die auslaufenden weissen Kreise als Quallen zu deuten, entsteht auf der flachen Leinwand die Illusion von Raum, Gleichgewicht, Rhythmus und Bewegung.
Wie auch immer wir ein Bild lesen, gegenständlich oder abstrakt oder wie im vorliegenden Fall zwischen beiden Polen schwankend, es gilt im Grundsatz, was Gottfried Böhm, mein ehemaliger Kunstgeschichte-Professor, 1994 geschrieben hat:
  
Was uns als Bild begegnet, beruht auf einem einzigen Grundkontrast, dem zwischen einer überschaubaren Gesamtfläche und allem, was sie an Binnenereignissen einschließt. Das Verhältnis zwischen dem anschaulichen Ganzen und dem, was es an Einzelbestimmungen (der Farbe, der Form, der Figur etc.) beinhaltet, wurde vom Künstler auf irgendeine Weise optimiert .

Was fast lapidar tönt, ist es nicht.
Je abstrakter ein Bild, desto wichtiger wird diese Figur-Grund-Relation, die im Übrigen auch jedes gegenständliche Bild kennzeichnet. Je reduzierter ein Bild ist, desto mehr müssen die einzelnen Elemente zueinander stimmen.
Welche Einzelbestimmungen charakterisieren Plieschnigs Malerei?
Welche Technik verwendet er?
Lassen wir den Künstler selber zu Wort kommen:
Während der letzten Jahre malte ich Bilder nicht mehr mit dem Pinsel, sondern schüttete die Farbe auf und ließ sie wieder abfließen, wodurch sich eine Oberfläche ergab, die ich mit konventionellen Techniken nur schwer hätte erreichen können. Die neuesten Arbeiten integrieren den Pinsel wieder in meinen Malprozess, der natürlich nach wie vor vom freien Farbfluss dominiert ist.

Der Farbe ihren Lauf lassen. Das tönt zunächst nach Zufall. Es handelt sich aber um streng
kontrollierte Schüttungen:  Ulrich Plieschnig lässt zwar der Farbe  freien Lauf, aber in streng geordneten Bahnen: er steuert ihren Lauf durch Drehen und Kippen der Leinwand. Und er greift in letzter Zeit auch wieder vermehrt zu Pinsel oder Spachtel, um an manchen Stellen gezielt und präzise die von ihm gewünschte Form zu erreichen.
Wie ist er zu den Schüttbildern gekommen, die ihn seit über einem Jahrzehnt beschäftigen? Der Künstler liebt den freien Farbfluss und die Bewegung der Farbe und arbeitet deshalb sehr gern mit stark verdünnter Ölfarbe. Um diese gleichmässig aufzutragen, kann er mit Schütten grössere Farbflächen abdecken. Er trägt die Farbe lasierend auf oder legt so viele Schichten übereinander, bis eine opake Wirkung zustande kommt.
Wie hat der Künstler das Verhältnis von Figur und Grund auf seinen Bildern optimiert?
Sein Optimierungsprozess auf dem Leinwandgeviert hat vor allem mit Komposition und Reduktion zu tun. Der Künstler hat sich eine streng reduzierte Farbpalette auferlegt: Sie umfasst neben Grau und Weiss die Farbe Orange und ein beinahe schwarzen Indigoblau.
Und er hat die Formen reduziert: Die oft unscharfen Linien, Kreise, Rechtecke, Flecken, ordnet er so an, dass ein schwebendes Gleichgewicht von opaken und durchscheinenden Flächen, von fliessenden und ruhenden Zonen, von organischen und geometrischen Formen, von horizontalen und vertikalen Strukturen entsteht.

Exkurs zum Thema Schüttbilder und Wiener Aktionismus, um etwas das Umfeld und die Herkunft von Ulrich Plieschnigs Malerei und seine Beziehung zur Performance abzustecken:
Wenn  wir an Schüttungen denken, kommt uns wohl zuerst Jackson Pollock mit seinem Action Painting in den Sinn, der die Farbe tropfend und schleudernd und mit viel Schwung auf die am Boden liegende Leinwand aufgebracht hat und sich so auch den Übernahmen Jack the Dripper verdient hat. Das Dripp-Painting wurde übrigens nicht erst 1950 von Pollock selber, sondern schon1942 vom Surrealisten Max Ernst erfunden.
Die europäische abstrakte Kunst der Nachkriegszeit wird in der Regel Informel bzw. Tachismus genannt. Sie greift nach dem Krieg Tendenzen des amerikanischen abstrakten Expressionismus auf. Wenn der Malprozess öffentlich vorgeführt wird, bekommt die Malerei eine performative Qualität, der Prozess in der Zeit ist wichtiger als das Resultat. Die Aktionsmalerei war zugleich Vorstufe und Bestandteil des Wiener Aktionismus. Georges Mathieu, ein französischer Action Painter, führte 1959 – im Geburtsjahr von Plieschnig - eine Malaktion in Wien durch, die den Wiener Aktionismus anheizte: Am gleichen Anlass trat auch der damals junge Wiener Maler Markus Prachensky auf: Er liess rote Farbe über drei aufrecht stehende Leinwände laufen.
Dieser Rot-Maler Prachensky wurde später 1980-85 Ulrich Plieschnigs Lehrer an der Akademie der bildenden Künste in Wien und muss sehr streng gewesen sein: So war es zum Bespiel verboten, Mischfarben zu verwenden, nur die drei Primärfarben Rot, Gelb, Blau und die Nicht-Farben Schwarz und Weiss seien erlaubt gewesen.
Zum Thema Akademie möchte ich eine kleine Anekdote einflechten: Zum Zeitpunkt der Aufnahmeprüfung an die Malklasse hatte Ulrich Plieschnig die rechte Hand gebrochen und eingegipst. Weil er nicht erst ein Jahr später noch einmal antanzen wollte, blieb ihm nichts anderes übrig, als die Prüfung ‚linkshändig’ anzutreten und er hat sie mit links bestanden!
Mit provokativen und in den frühen 60er Jahren alle möglichen Tabus brechenden Aktionen in der Art von Hermann Nitsch und seinem Orgien-Mysterientheater, der die rote Farbpalette von Prachensky um Blut erweiterte, hat der eine Generation später geborene Plieschnig nichts mehr am Hut. Er hat die Malerei auch immer streng von seinen Performance-Aktivitäten geschieden. Denn auch Ulrich Plieschnig hat in den 90er Jahren oft und gerne als Performer gearbeitet, immer in Zusammenarbeit mit Mario Dalpra. Seine Performances, die er auf Reisen rund um den Erdball und oft in Zusammenarbeit mit lokalen Künstlern  entwickelt hat, seien sehr spektakulär, aber eher humoristisch und niemals aggressiv gewesen, sagt der Künstler.
Zur Zeit schlummert der Performer in Plieschnig und er widmet sich fast ausschliesslich seiner Malerei, in der  es ihm um Werte wie Kontinuität und beinahe meditative Konzentration mit impulsiven Einflüssen geht. Um präzise malerische Setzungen und seine ganz persönliche Handschrift. Seine informelle Malerei entsteht weniger aus dem Bauch, als aus dem Kopf. Sie ist komponiert,  und gelenkt und der Zufall, wenn es ihn denn überhaupt gibt, hat nach dreissig Jahren Malerfahrung einen sehr geringen Anteil.
So entstehen ruhige, stimmungsvolle Bilder jenseits von modischen Strömungen, deren zeichenhafte Strenge immer wieder vom verspielten Farbfluss durchbrochen wird.

Eva Bächtold, Januar 2010