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Bruno Sutter, Objekt

Ausstellung 24. Januar bis 27. Februar 2010 gemeinsam mit Ulrich Plieschnig, Malerei

 

 

 

 

 

ULRICH PLIESCHNIG – MALEREI
BRUNO SUTTER – OBJEKT

Einführung zur Vernissage vom 24. Januar 2010 in der Chelsea-Galerie, Laufen

In der ersten Ausstellung im neuen Jahr, Jahrzehnt treffen mit Ulrich Plieschnig und Bruno Sutter ein Maler aus Wien und ein Bildhauer aus Rubigen (Kanton Bern) aufeinander. Bruno Sutter stellt zum ersten Mal in der Chelsea-Galerie aus. Ulrich Plieschnig war schon dreimal hier zu Gast.
Auf den ersten Blick entdecken wir über die Gattungsgrenzen hinweg Verbindendes zwischen den beiden Werken:
Beide Künstler arbeiten mit dem Nuancenreichtum der Farbe Grau, das von der Etymologie her das Gegenteil von mausgrau bedeutet: nämlich schimmernd, strahlend, glänzend. Es bringt die sparsam eingesetzten Buntfarben gezielt zum Leuchten.
Das Erforschen und Experimentieren mit den elementaren Materialeigenschaften der Werkstoffe (Papier bei Sutter, Farbe bei Plieschnig) steht im Zentrum.
Auf der formalen Ebene verbindet die beiden Künstler die Reduktion auf einfache Formen und die Verdichtung durch Schichtung, wobei bei beiden die unscharfen Übergänge ein besonderes Augenmerk verdienen: Da franst es aus, dort fliesst es aus und verzeigt es sich in immer dünnere Rinnsale, da verschmilzt es, dort wird es durchscheinend.
Zudem hat ‚Seine Majestät der Zufall’ bei beiden Künstlern die Hand im Spiel und wird mit Kalkül eingesetzt.

Zu Bruno Sutters Arbeiten:
Ich weiss nicht, wie es ihnen beim Entsorgen von Altpapier ergeht. Ich fühle mich jedes Mal erleichtert und von Ballast befreit, wenn ich die schweren Stapel Papier-Altlasten gebündelt und geschnürt an die Strasse stellen kann. Gut schweizerisch erzogen in Mülltrennung, habe ich schon beim Bündeln wie selbstverständlich alle Fenstercouverts, Blumenpapiere, Eierkartons und andere Fremdstoffe aussortiert und mich allenfalls kurz gewundert, was da alles wieder nicht gelesen dem Recycling zugeführt wird.
Ganz anders der Bildhauer Bruno Sutter. Für ihn ist Altpapier mehr als ein Sekundärrohstoff, der seit der Wirtschaftkrise rasant an Wert verloren hat. Für ihn ist es
ein vielfältiger künstlerischer Werkstoff, welchen er sichtet, schichtet und zu formal strengen, aber ungeheuer reichhaltigen Objekten verdichtet: Wir werden in den Raum geleitet von seriell angeordneten blockhaften Objekten mit zarten Längsstreifen, da entdecken wir die quer gestreiften Stelen, eine davon in leichter Schwingung.
Im hintersten (kalten) Raum hebt sich die 220teilige Bodenskulptur blue wie ein kühler rätselhafter Bildteppich vom schwarzen Boden ab.

Wie fand der Holzbildhauer zu seinen ausgesprochen aparten Altpapierschichtungen? Eigentlich ganz organisch: Nach einer Schreinerlehre kam der Berner 1979 erstmals mit der Bildhauerei in Berührung. Einem Semester an der Plastikschule Dornach, die ihm zu dogmatisch war, folgte der Vorkurs an der Kunstgewerbeschule Bern. Ab Mitte der 80er Jahre schuf er zahlreiche Holz- aber auch Betonskulpturen, durch die er zu Ausstellungen, Preisen und Aufträgen im öffentlichen Raum gelangte. Vor rund zehn Jahren erfolgte die nahe liegende Hinwendung zum Papier, dessen Hauptbestandteil Zellulose bekanntlich aus Holz gewonnen wird.
Ausgangspunkt von Bruno Sutters raffinierten Sedimentationen sind die unterschiedlich bedruckten und gefärbten Papierqualitäten: Da finden sich neben Zeitungspapier Fehldrucke auf Karton, Wellkarton, Telefonbücher, Kalender etc., von denen später nur noch ihre millimeterdünnen Schnittkanten sichtbar seine werden. Diese verschiedenen Papiersorten werden Blatt für Blatt geschichtet und stellenweise angereichert mit so genannten Spuckstoffen. Sie wissen nicht was Spuckstoffe sind? Sie sind das, was Bruno Sutters Skulpturen ihre Würze und ihren kostbaren Charakter verleihen: Eben all die papierfremden Stoffe, die beim Papier-Recycling-Prozess ausgespuckt oder eben schon vorher vom braven Bürger aussortiert wurden. Hier fügt er eine Lage aus Kunststoff, da ein Textil, dort etwas Aluminiumfolie zum Papier. Diese Fremdkörper glänzen später wie kostbare Mineralien aus den sedimentierten Papierschichten, beleben den tonig gedämpften Farbrhythmus mit bunten Streifen oder einer fremden, fransigen Textur.
In einem zweiten Arbeitsschritt werden die Papierschichten gepresst und verdichtet. Dazu werden die Papierbündel mit einem Metallstift durchbohrt, zwischen zwei Deckblätter aus Eisen geklemmt und mittels Schraubzwingen komprimiert. Die einzelnen Sedimente wachsen gleichsam zusammen. Das Papier fängt an sich zu verwandeln, seine Materialität, zusätzlich verfremdet durch die Spuckstoffe, lässt sich nur noch schwer analysieren.
Schliesslich bringt der Künstler die gepressten Papierbündel mit der Motorsäge oder Fräse in ihre endgültige Form. Erst in diesem Moment werden die verschiedenen Schichten  aufgeschlossen und sichtbar. Es ist auch für den Künstler ein überraschender Moment, denn je nach Beschaffenheit des Papiers (Leimung, Dichte, Oberflächenbehandlung) schliesst die Motorsäge unterschiedlich ausfasernde oder glatte Flächen auf.

Bruno Sutter betrachtet –wie die meisten Künstler - die Dinge gerne aus ungewohnter Perspektive. Für ihn sind die Altpapierstapel Ausgangspunkt zu einer Transformation in buchstäblich vielschichtige Objekte, die sich dem Akt des Lesens und einer eindeutigen Lesart entziehen, sind doch die Buchstaben und Bilder in ihrem Innern eingeschlossen wie ein  kostbares Kleinod in der Schatulle. Der Gehalt seiner in der Regel namenlosen Objekte steckt zwischen den Zeilen, an den Schnittstellen, im Querschnitt: Die Objekte gleichen kunstvollen Büchern mit eisernen Buchdeckeln, die ihren Inhalt nicht preisgeben, uns aber auch nicht wie im Büchergestell ihre Rücken zukehren, sondern uns die unterschiedlich ausgefransten Schnittkanten ihrer einzelnen Kehrseiten vorführen.
Oder sie erinnern uns an gewachsene Holzscheite, deren Jahrringe das Klima ihrer Lebensjahre spiegeln und die an manchen Stellen verwittert oder mit Flechten besetzt sind. Oder an Aufschlüsse von Sedimentgestein, an dessen Schichten Erdgeschichte ablesbar wird. So gelingt Bruno Sutter eine kunstvolle Renaturierung des Papiers, welche nicht nur unser Auge täuscht und erfreut, sondern uns auch für einen beglückenden Moment unseres text- und bildlastigen Alltags enthebt, um uns mit haptisch-sinnlichen Objekten zu beglücken, die mit der Zeit immer schöner werden.

Eva Bächtold, Januar 2010